Jugendgewalt : Max hilft Mehmet

Angesichts des hohen Ausländeranteils an der Jugendkriminalität plädiert Kriminologe Pfeiffer für eine „frühe soziale Vernetzung“. Damit sollen Jugendliche aus der Isolation befreit werden und den richtigen Umgang mit Mitmenschen lernen.

Michael Schmidt

Berlin - Weniger Fernsehen und „Playstation-Gedaddel“, mehr sinnvolle Beschäftigung in einer Ganztagsschule, „die nicht nur Kinderverwahranstalt mit Suppenküche ist“, sondern ein Ort, der Lust aufs Lernen und neugierig aufs Leben macht – das hat Kriminologe Christian Pfeiffer jüngst auf einer Konferenz zum Thema Demografie und Sicherheit in Berlin gefordert. „Rettet die Nachmittage unserer Kinder“, appellierte der Leiter des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen an Politik und Gesellschaft. Anlass für die eindringlichen Worte: Die Ausländerkriminalität in Deutschland sei zwar rückläufig, sagte Pfeiffer. Dennoch tauchten Menschen ohne deutschen Pass häufiger, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspreche, in den Kriminalitätsstatistiken auf – und Jahr für Jahr bestätige sich, dass junge Migranten sehr viel häufiger gewalttätig werden als gleichaltrige einheimische Deutsche.

„Die Jugendkriminalität ist das zentrale Problem“, sagte Pfeiffer. „Von 100 ausländischen Jugendlichen verlassen 25 Prozent der Jungs und 15 Prozent der Mädchen die Schule ohne Abschluss, werden Kunden der Sozial- und Arbeitsämter – oder eben ein Fall für den Kriminologen.“ Bei der Ursachenforschung machte Pfeiffer drei Großtrends aus. Die soziale Benachteiligung vieler. Die übermäßige, auch religiös fundierte Wertschätzung einer Gewalt legitimierenden Machokultur – die sich zum Beispiel in Zustimmung zu Aussagen wie diesen ausdrücke: „Als Vater ist ein Mann das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen“, „wenn eine Frau ihren Mann betrügt, darf der Mann sie schlagen“, „einem Mann als Familienvater müssen Frau und Kinder gehorchen“. Und hinzu komme, drittens, die vorurteilsbelastete Etikettierung als potenzielle Kriminelle durch die Mehrheitsgesellschaft.

Eine Schülerbefragung 2005 habe ergeben, dass Kinder aus Migrantenfamilien weit häufiger als einheimische Deutsche in Verhältnissen aufwachsen, die von Armut, schlechten Wohnbedingungen, sozialer Ausgrenzung und fehlendem Zugang zu weiterführender Bildung geprägt sind, sagte Pfeiffer. Die Enttäuschung über den fehlenden Zugang zu den als wertvoll erachteten Ressourcen erzeuge Frustrationen, die sich in Aggressionen oder etwa auch in Diebstahl niederschlagen könnten. Bereits in den ersten Lebensjahren begründeten derartige Rahmenbedingungen für die Kinder ein erhöhtes Risiko, dass ihre Eltern sie vernachlässigen, dass sie wegen fehlender U1- bis U8-Untersuchungen schwer erkranken oder dass sie Opfer elterlicher Gewalt werden.

Als „höchst problematisch“ bezeichnete der Kriminologe die „massive Belastung der Kinder durch extensiven Medienkonsum“. Seinen Beobachtungen zufolge sitzen türkische Viertklässler durchschnittlich 3,5 Stunden täglich vor einem Bildschirm: 157 Minuten Fernsehen und 54 Minuten Computer spielen. Mehr als jeder Zweite gab an, in der Woche vor der Befragung für sie „verbotene“ Filme (FSK ab 16 beziehungsweise 18) geschaut zu haben, mehr als jeder Vierte gab zu, oft Computer- und Videospiele zu nutzen, die erst ab 16 beziehungsweise 18 Jahren freigegeben sind.

Zum Vergleich: Die Zehnjährigen deutschen Jungen bringen es auf 129 Minuten Medienkonsum – 88 Minuten Fernsehen und 41 Minuten Computer spielen – und beschäftigen sich im Alter von zehn „nur“ zu 25,3 Prozent mit den verbotenen Filmen und zu 11,2 Prozent mit als jugendgefährdend eingestuften Spielen. Diese Unterschiede seien auch eine Folge davon, „dass türkische Jungen in ihren Kinderzimmern weit häufiger als deutsche mit Fernseher und Spielkonsole ausgestattet sind“, sagte Pfeiffer. Ein hoher Medienkonsum aber schlage sich in schlechten Schulleistungen nieder und führe damit zu schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, fördere also mittelbar Perspektivlosigkeit und damit Gewalt.

Pfeiffer machte sich für eine „möglichst gleichmäßige Verteilung von Migrantenkindern auf die Kindergärten eines Ortes oder Stadtteils“ stark. Seine Befragung von knapp 6000 Viertklässlern habe gezeigt: Die Zahl von Migrantenkindern mit Gewalterfahrungen ist dort am niedrigsten, wo sie am häufigsten von deutschen Kindern zum Geburtstag eingeladen wurden. „Das zeigt, welch hohe Bedeutung eine frühe soziale Vernetzung für eine erfolgreiche Integration hat“, so Pfeiffers Schlussfolgerung. Sie erscheine ihm dadurch am besten gewährleistet, „dass Mehmet die Chance erhält, mit Max und Moritz im Sandkasten zu spielen – und nicht allein mit Mustafa und Igor“.

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