Jugendwahn und Frauenbild : Das Alter ansehen

„Jugend ohne Schönheit hat immer noch Reiz. Schönheit ohne Jugend keinen“, sagte schon Arthur Schopenhauer. Seither ist es für Frauen nicht leichter geworden, ihr Alter zu ertragen. Einige schlagen Krach.

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Wo steht die Frau in der Gesellschaft? Simone de Beauvoir (hier mit Jean-Paul Sartre an der Copacabana) machte diese Frage zum Kern ihrer Arbeit. 1970 schrieb sie "Das Alter", heute ein Klassiker.
Wo steht die Frau in der Gesellschaft? Simone de Beauvoir (hier mit Jean-Paul Sartre an der Copacabana) machte diese Frage zum...Foto: AFP

Vor ihr liegen hohe weiße Stiefel auf dem Boden, mit Fransen und spitzem Absatz für den selbstbewussten Auftritt, wie achtlos hingepfeffert. Sie selbst in Paillettenrock und engen schwarzen Strümpfen, die dunklen Locken türmen sich, das alte Gesicht bleich und reglos unter dicken Schichten von Puder, steht vor einem Schminktisch mit Spiegel, in den sie nicht schaut.

Charlotte Collet ist Motiv Nummer eins, und sie wartet auf Anweisungen. Es soll ein Foto gemacht werden.

Die Kulisse dafür ist aufgebaut in der Ecke hinter dem Eingang zu einem großen alten Konzertsaal. An dessen gegenüberliegender Seite erstreckt sich eine breite Bühne.

Man könnte das allegorisch für eine Gesellschaft sehen, die gealterte Frauen ausgrenzt: Ihr Platz ist so weit wie möglich entfernt von dem Ort, an dem das Leben spielt – die Bühne –, und bevor das öffentliche Augenmerk – der Fotoapparat – sie in den Fokus nimmt, musste sie sich stark verschönern.

Charlotte Collet würde das so nie sehen. Alter und Schönheit? Das ist nichts, womit sie sich je beschäftigt hätte, sagt sie später, als Make-up, Puder, Perücke und die falschen Wimpern wieder ab sind. Dafür war gar keine Zeit.

Wie altern Frauen? Offenbar zunehmend im Zorn

Sie kam lange vor den heute 40-, 50- und 60-Jährigen zur Welt, was ihr ein hartes Leben einbrachte, sie aber auch verschonte mit manchen Fragen, die sich heute massiv stellen. Charlotte Collet ist 88 Jahre alt. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, waren ihre Eltern tot und sie hatte ihre Geschwister zu versorgen. Dann bekam sie selber fünf Kinder, ging Geld verdienen, immer war zu kämpfen, dann wurde der Mann krank, pflegebedürftig, inzwischen ist er tot.

„Wie ich aussehe?“, sagt Charlotte Collet und lacht. „Weiß ich nicht. Aber ich hatte fünf hübsche Kinder.“

Wie altern Frauen seither? Wer die wachsende Zahl von Büchern zum Thema sieht, stellt fest: immer seltener in Collet’scher Selbstverständlichkeit. Sondern im Zorn auf eine Gesellschaft, die selbst altert und sich nach Jugend sehnt – und das vor allem an ihnen auslässt.

„Wir wilden weisen Frauen: Von der Kunst des Älterwerdens“ ist gerade neu ins Regal gekommen. Autorin ist Renate Daimler, die die Generation der „Beautiful Old Women“ erfinden will und zuvor schon mit „Lust auf 50“ ein Plädoyer gegen das „Verfallsdatum“ geschrieben hat, das die Gesellschaft den Frauen aufdrücke. Auch neu: „Die verratene Generation – Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten“ von Kristina Vaillant und Christina Bylow, zwei Autorinnen aus der Babyboomergeneration, die vorrechnen, warum die erste Frauengeneration, die mit besten Ausbildungsabschlüssen in den Beruf startete, einem Alter in Armut entgegenblickt. Weil sie sich doch zwischen Arbeit und Familie entscheiden musste, mit allen Konsequenzen für ihre Rentenansprüche. Aus dem Jahr davor: „Da geht noch was – Mit 65 in die Kurve“, Gedanken der Journalistin Christine Westermann über das Älterwerden. Es gibt Titel wie „Anmutig älter werden“ von der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek und „In Schönheit altern“ von ihrer Berufskollegin Christine Kaufmann.

Junge Frauen werden sexualisiert - das schlägt später in Abwertung um

Angekündigt für Januar 2015 ist: „Ein bisschen gleich ist nicht genug!: Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“. Das wieder grundsätzlicher ansetzende Buch kommt von der Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg. Aus dem Klappentext: „Ob Spielzeug, Werbung oder Medien – überall werden Frauen sexualisiert.“ Was in Abwertung umschlägt, wenn die Frauen alt werden.

Das ist als Klage nicht neu. Simone de Beauvoir stellte schon Mitte der 1970er Jahre fest, dass Frauen, weil sie in einer Männerwelt als „erotisches Objekt“ verortet würden, im Alter zwangsläufig in eine immer ungünstigere Lage gerieten. Und lange davor schrieb Arthur Schopenhauer: „Jugend ohne Schönheit hat immer noch Reiz. Schönheit ohne Jugend keinen.“ Heute heißt es dagegen oft, man sei so alt, wie man sich fühle. Das mag für den Einzelnen stimmen, aber ist das auch gesellschaftlicher Konsens?

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