Politik : Jugoslawien: Die First Lady greift nach der Macht

Stephan Israel

Mira Markovic ist keine gewöhnliche "First Lady". Die Ehefrau des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gilt als ideologische Schwärmerin und drückt mit ihrer Partei, der Jugoslawischen Linken (JUL), dem Regime vor den Wahlen am 24. September immer stärker ihren Stempel auf. Und sie steigt diesmal höchstpersönlich ins Rennen. Mira Markovic führt in Pozarevac, der Heimatstadt des Präsidentenpaares, bei den Wahlen für das Bundesparlament die Liste der neokommunistischen JUL an.

Die Ehefrau des jugoslawischen Präsidenten passte nie ins Bild der gütigen Landesmutter. Die eingeweihten Biografen von Slobodan Milosevic sahen sie schon immer als treibende Kraft hinter Serbiens "starkem Mann". Ende der 80er Jahre soll sie es gewesen sein, die "Slobo", den farblosen Banker und kommunistischen Apparatschik, in die Politik gedrängt hat. Mira Markovic trete heute nicht ohne Not aus dem Schatten ihres Ehemannes hervor, weiß die unabhängige Belgrader Presseagentur Beta: "Sie bestätigt damit, dass die Behörden diese Wahlen als schicksalhaft für ihr Überleben sehen".

Ihr Intimfeind verschwand spurlos

Bisher hielt sich Mira Markovic eher im Hintergrund: "Ich bin Universitätsprofessorin und nicht Präsidentengattin von Beruf", pflegte sie auf Eigenständigkeit zu pochen. Einschlägig bekannt sind allerdings ihre Kolumnen in der Zeitschrift "Duga" (Regenbogen). Belgrads politische Klasse pflegte besonders aufmerksam zu lesen, was das "Orakel", so der treffende Spitzname, Woche für Woche ankündigte. Man konnte aus der Kolumne heraushören, woher der Wind wehte, wer gerade in der Gunst des Regimes stand, und wer um seinen Posten zu fürchten hatte.

So mussten etwa der mächtige Geheimdienstchef Jovica Stanisic oder der Generalstabschef Momcilo Perisic gehen, weil sie der "First Lady" nicht mehr passten. Auch Ivan Stambolic, einst Förderer des Präsidenten und seit zwei Wochen spurlos verschwunden, galt als ihr Intimfeind. Slavko Curuvija, Herausgeber und langjähriger Hausfreund, wurde im vergangenen Jahr nach dem Bruch mit der Präsidentenfamilie von unbekannten Männern auf offener Strasse erschossen.

Slobodan Milosevic, ganz der misstrauische Autokrat, höre nur noch auf seine Frau, wollen die Beobachter in Belgrad wissen. Sie können sich nur auf Indizien und Aussagen verstoßener Vertrauter verlassen, denn "Homestories" aus dem Hause Milosevic gibt es keine. Mira Markovic und "Slobo" gelten als verschworenes Team, das inzwischen auch eine politische Ehe eingegangen ist.

Bereits 1994 hat Mira Markovic ihre eigene Partei, die Jugoslawische Linke (JUL), gegründet. Im Alleingang blieb die neokommunistische JUL jedoch eine unpopuläre Splitterpartei. Erst das Bündnis mit dem mächtigen Apparat der Sozialistischen Partei (SPS) von Slobodan Milosevic verhalf zur Regierungsbeteiligung. Heute darf die JUL für die Wahlen für zwei Kammern des Jugoslawischen Bundesparlamentes 40 Prozent der Listenplätze in Anspruch nehmen, was selbst bei den sonst streng loyalen Sozia-listen für böses Blut gesorgt hat.

Zoran Lilic, Vorgänger im Amt des Jugoslawischen Präsidenten, hat angeblich im Zorn über den Machthunger der Präsidentengattin sein Parteibuch zurückgegeben. Dank Protektion von der Staatsspitze hat die JUL wichtige Positionen in Verwaltung und Gesellschaft besetzen können. An den Universitäten und in den Staatsmedien sitzen inzwischen enge Vertraute von Mira Markovic an den Schalthebeln. Wer Manager in einem der Staatsbetriebe bleiben oder werden will, tritt am besten der Jugoslawischen Linken bei oder zeigt sich mit einer großzügigen Überweisung erkenntlich.

Treibende Kraft hinter der Repression

Milosevic habe nie enge Weggefährten gehabt und habe immer nur seiner Frau vertraut, schreibt auch die renommierte "international crisis group" (im Internet zu finden unter www.crisisweb.org ) im jüngsten Bericht über Serbien: "Ihre Beziehung basiert auf emotionaler, ideologischer und politischer Nähe." Die Präsidentengattin sei dabei zur treibenden Kraft hinter den meis-ten Aktivitäten geworden. Die repressiven Gesetze gegen die Universitäten und die Medien tragen die Handschrift der Chefin von JUL.

Milosevic ist der pragmatische Technokrat der Macht, seine Ehefrau die rigide Ideologin, die ihr politisches Vorbild im "chinesischen System" sieht. Serbien ist aus der Perspektive der Präsidentengattin ein "Hort der freien Welt" auf dem europäischen Kontinent. Belgrad führe einen heldenhaften Kampf gegen die "Kolonialisierung" durch die USA. Im vergangenen Jahr verglich die "First Lady" das Kriegsverbrecher-Tribunal, das den Ehemann Milosevic auf der Fahndungsliste führt, mit der Gestapo und bezeichnete das Haager Untersuchungsgefängnis mit Konzentrationslagern.

"Wir kamen inmitten von Blutvergießen an die Macht, und nur nach einem Blutvergießen werden wir gehen", drohte Mira Markovic schon vor einiger Zeit bei einer JUL-Veranstaltung. In Serbien ist inzwischen die Ansicht verbreitet, dass in diesen Worten viel Wahrheit steckt.

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