Politik : Jugoslawien: Ein Wunder reicht nicht (Kommentar)

cvm

Wie bekämpft man einen Diktator und Wahlfälscher? Durch Wahlboykott oder durch mobilisierende Massenproteste? Vor allem durch Einigkeit. Serbiens Opposition hat mal auf die Straße und mal auf die Urne gesetzt. Dauerhaften Erfolg hatte sie nie, weil sie es Slobodan Milosevic noch stets erlaubte, sie auseinander zu dividieren, wenn es bedrohlich für ihn wurde. Nie konnte sich sich auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten einigen. Keiner gönnte dem Rivalen den Ruhm, Milosevic zu besiegen. Hat der Diktator erneut sein Geschick bewiesen, als er das Wahlgesetz ändern ließ und direkte Präsidentenwahlen in ganz Jugoslawien für den September ansetzte? Jedenfalls hat er seine Gegner wieder an die Schmerzgrenze geführt - diesmal auch jene in der Teilrepublik Montenegro, die gerade dabei ist, sich aus dem gemeinsamen Bundesstaat zu lösen. Dieses Signal soll der Boykott der Wahl verstärken. Boykott, das war bis vor kurzem auch die Losung der größten serbischen Oppositionsbewegung, der SPO des Vuk Draskovic. Am Wochenende hat sie die Strategie geändert: Sie benannte einen Herausforderer für Milosevic. Und, oh Wunder, es ist nicht der selbstverliebte Draskovic, sondern der Belgrader Bürgermeister Mihailovic, dem die konkurrierenden Oppositionsparteien leichter auch ihre Stimme geben können. Nun ist noch ein zweites Wunder nötig: dass alle Gegner Milosevics sich anschließen. Wenn sich diese Hoffnung in Serbien erfüllt, dann könnte sich auch Montenegro zu dem Opfer bereit finden, den Boykott zu überdenken.

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