Politik : Jugoslawien: Ende des Traums von der Freiheit

Claudia Lepping

Irgendwann wird es dem amerikanischen Polizisten im Dienst der Vereinten Nationen (Uno) zu bunt. Unter dem ungeduldigen Hupen seiner Landsleute versucht sein albanischer Kollege den Stau rund um eine der größten Straßenkreuzungen Pristinas aufzulösen. Erfolglos. Im Stile eines Weltpolizisten stürzt sich schließlich der Amerikaner in den Verkehr der Kosovo-Provinzhauptstadt und weist die Autofahrer in die Bahnen.

Größere wegweisende Entscheidungen hat die Uno aus ihrer Sicht jedoch nicht zu bieten. 16 Monate nach dem Ende des Krieges zwischen serbischen Spezialeinheiten und der Kosovo-Befreiungsarmee UCK und zwei Wochen nach dem Machtwechsel in Belgrad warten die Kosovaren auf jenes eindeutige Signal der internationalen Gemeinschaft, in dem sie ihr alleiniges Heil suchen: die staatliche Unabhängigkeit. Doch da ist nichts zu machen. "Das ist so ziemlich das Einzige, worüber wir uns einig sind: dass sich Kosovo nicht von Serbien loslösen soll", erklärt ein Mitarbeiter der Uno-Mission im Kosovo die offizielle Position. Darüber hinaus gibt es keine Einigung über den abschließenden Status der südserbischen Provinz. Erst einmal sehen, was Belgrad macht, heißt es in Europa und den USA, nachdem Serbiens Kriegstreiber Milosevic zumindest aus der ersten Reihe verschwunden ist.

Doch genau das wollen die Kosovo-Albaner nicht: abwarten und auf das Wohlwollen des neuen jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica und seiner demokratischen Partei angewiesen zu sein. In den Medien des Kosovo kursiert das Foto, das Kostunica mit einer Kalaschnikow in der Hand bei einer Reise ins Kosovo abbildet. "Das hat nicht einmal Milosevic gemacht", empören sich die Kosovaren: "In Serbien wurden Köpfe ausgetauscht, aber der serbische Hass und der Anspruch Belgrads auf unser Land sind ungebrochen."

In nur 24 Stunden, brüstet sich ein früherer UCK-Kämpfer, stehe die Untergrundarmee notfalls zu einem Einsatz bereit - angeführt durch ihre Spezialwaffe, die Moral. "Sollte die internationale Gemeinschaft den Kosovaren das Recht zur Eigenständigkeit absprechen", sagt er leise, "verliert sie ihre Glaubwürdigkeit und uns als Freunde." Auf den Gedenksteinen für gefallene UCK-Soldaten steht: "Der Tod ist unsere Zukunft." Die Kfor verlängerte jetzt die nächtliche Ausgangssperre um eine Stunde von Mitternacht bis fünf Uhr früh.

Oben im Bergdorf Rasan Mahala, wo deutsche und österreichische Kfor-Soldaten mit Finanzierung der Evangelischen Landeskirche Rheinland, der Johanniter Unfallhilfe und der Diakonie 17 Häuser, Ambulanz, Kindergarten und Schule aufbauten, geht es zur Einweihung diplomatisch zu. Präses Kock, der EKD-Vorsitzende und Bischof der rheinischen Protestanten, dankt Gott und dessen Barmherzigkeit, dass alle Menschen die gleiche Würde haben. Der Dorfsprecher dankt der Nato und der Bundeswehr, dass hier wieder alle ruhig schlafen können. Und dann singen die Kinder des Dorfes, die den Festakt mit der albanischen Hymne begannen, das inzwischen gar nicht mehr heimliche Lied der Kosovaren: "Ich war ein UCK-Kämpfer".

Hier würde jeder wieder für sein Land sterben wollen, sagt ein alter Mann, der bei der bevorstehenden Kommunalwahl selbstverständlich für die PDK, die radikallinke Partei des früheren UCK-Oberkommandierenden Hashim Thaci, stimmen wird. Gefeiert als der Mann, der die Nato in den Befreiungskrieg gegen die Serben hineinzog, "haben wir es Thaci zu danken, dass die Kfor heute hier ist und uns hilft", sagt der gebrechliche Alte.

Ob die Gemeindewahlen etwas daran ändern werden, dass Angehörige der serbischen Minderheit nur unter starkem Aufgebot der Kfor ihre Enklaven verlassen können? Die rund 100 000 Serben werden nicht zur Wahl gehen. Sie haben Angst. Noch immer stecken Kosovaren Häuser von Serben in Brand, um deren Rückkehr zu verhindern. In Strpce, einem serbischen Dorf zwischen Prizren und der mazedonischen Grenze, sehen die Jungen zu, dass sie hier wegkommen und sich anderswo ein freies Leben aufbauen.

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