Politik : Jugoslawien nach der Wahl: Die Männer fürs Grobe

Stephan Israel

Die Männer in den blauen Kampfanzügen sind bestens ausgerüstet. Sie verfügen über Radpanzer, Granatwerfer, Panzerabwehr und Hubschrauber. Die Truppen des serbischen Innenministeriums (MUP) sind 100 000 Mann stark und nur dem Namen nach eine Polizei.

Die paramilitärischen Einheiten sind die Prätorianergarde des Regimes, wenn es darum geht, den Wahlbetrug und die Macht gegen die Ansprüche der Opposition zu verteidigen. Die Einheiten des Innenministeriums gelten als höchst loyal. Sie taten den Großteil der "Drecksarbeit" während der Jahre der Repression und während des Krieges im Kosovo.

Ehemalige serbische Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien bilden seit den 90er Jahren den Kern der Truppe. Den jungen Männern wird die serbische Staatsbürgerschaft meist vorenthalten. Sie werden dafür vergleichsweise sehr gut bezahlt und versorgt. Sie wissen, dass bei einem Regimewechsel auch ihre Position gefährdet wäre. Auf dieser Furcht basiert ihre Loyalität.

Korruption ist weit verbreitet und die Verbindungen in die Unterwelt kein Geheimnis. Polizisten, die Schutzgelder erpressen, sind angeblich keine Seltenheit. Es gibt allerdings regionale Unterschiede punkto Loyalität gegenüber dem Regime. In der ethnisch gemischten und mehrheitlich oppositionellen Provinz der Vojvodina hält sich die Bereitschaft der Polizei, gegen Regimekritiker vorzugehen, in Grenzen.

Auch auf die Führung der Jugoslawischen Bundesarmee (VJ) kann der amtierende Staatspräsident Slobodan Milosevic zählen. Generalstabschef Nebojsa Pavkovic lobte im Wahlkampf den Präsidenten als "Visionär" und "weisen Führer". Die Armeespitze hat einige Säuberungen hinter sich und ist jetzt nur noch mit loyalen Kräften beziehungsweise Ja-Sagern besetzt. Zuletzt musste der Armeeführer Momcilo Perisic sein Amt abgeben. Perisic hat sich inzwischen der Opposition angeschlossen und Armee sowie Polizei kürzlich gemahnt, "ihre verfassungsmässige Aufgabe zu erfüllen und den Willen des Volkes zu respektieren".

Das Belgrader Regime hat der Armee vor kurzem eine neue Doktrin verpasst, die verstärkt auch den Einsatz im Inneren vorsieht. Die Verlässlichkeit der Mannschaft gilt aber nach Ansicht von Militärexperten spätestens seit dem Kosovo-Krieg im vergangenen Jahr als zweifelhaft. Einige der Offiziere und Soldaten kehrten entsetzt über die "Aktionen" von Polizei, Paramilitärs und Armeeeinheiten nach Hause zurück. Nicht wenige Kriegsteilnehmerverweigerten Orden, die ihnen vom Milosevic-Regime verliehen werden sollten. Ein Grossteil der 85 000 Mann gilt als demoralisiert. Nach dem Ende der Nato-Luftangriffen kam es zu spontanen Protesten und Strassenblockaden von Rückkehrern, die den versprochenen Sold einforderten.

Die Hälfte der Truppe besteht aus schlecht bezahlten Rekruten, die im Fall eines Einsatzes gegen oppositionelle Demonstranten oder gegen Montenegros westlich orientierte Führung bei der ersten Gelegenheit ihr Gewehr wegwerfen könnten. Die Regierung hat zwar im Frühjahr die Gehälter für Offiziere verdoppelt. Ein Programm, das den Bau von 10 000 Wohnungen für Armee- und Polizeiangehörige vorsieht, wurde zudem kürzlich lanciert. Doch auch im unteren und mittleren Kader ist die Unzufriedenheit gross und Sympathien für die Anliegen der Opposition durchaus vorhanden.

In Serbien und im Ausland wird immer wieder über ein "rumänisches Szenario" spekuliert: Dissidente Offiziere lösten im Wendejahr 1989 den Sturz des Ehepaars Ceausescu aus. Auch in Serbien könnten jüngere Offiziere am ehesten bereit sein, sich an die Spitze einer Rebellion innerhalb des Machtapparates zu stellen.

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