• Jugoslawien nach der Wahl: In Serbien bröckelt Milosevics Macht - überwunden ist sie längst noch nicht

Politik : Jugoslawien nach der Wahl: In Serbien bröckelt Milosevics Macht - überwunden ist sie längst noch nicht

Christoph von Marschall

Peoples power gibt es in zweierlei Art: der sanften des wachsenden öffentlichen Drucks, dem sich schließlich niemand mehr entgegenstellen kann, wie im Herbst 1989 im Ostblock. Und der gewaltsamen, die Bastillen stürmt, Diktatoren lyncht. Womöglich lynchen muss, weil erst dann die Gegenwehr der Palastwachen erlischt - in Rumänien 1989 erst nach der standrechtlichen Erschießung der Ceausescus. Denn peoples power kann zusammenkartätscht werden: Ost-Berlin 1953, Ungarn 1956, Prag 1968, Burma 1988, Peking 1989.

Und Belgrad 2000? Serbien bietet in diesen Tagen faszinierenden Anschauungsunterricht für die Psychologie der Erosion der Macht. Noch ist nicht gesagt, dass der Prozess unaufhaltsam ist und mit Milosevics Sturz endet, enden muss. Aber die Dynamik der Ereignisse strebt darauf zu.

Plötzlich zeigt sich, dass die Koalition der Macht und der Herrschaftsapparat keineswegs so monolithisch sind, wie es in den Jahren schien, da Milosevic unangefochten herrschte. Jetzt, da er auf vorgezogene Neuwahl gesetzt, offenkundig verloren hat und nicht mehr deutlich machen kann, dass er die Situation beherrscht, treten täglich neue Risse zu Tage. Mitglieder der Wahlkommission legen das Amt nieder, weil sie die Fälschungen nicht mehr mittragen wollen. Sozialisten treten aus der Partei aus. Die orthodoxe Kirche kündigt das Bündnis von Thron und Altar. Auf die Armee ist nicht mehr unbedingt Verlass. Der Koalitionspartner Vojislav Seselj, ein Radikalchauvinist, der Milosevic im Zweifel noch zu überbieten versuchte, wendet sich ab. Und bei den Opportunisten auf der Gegenseite, die Milosevic früher mit hohen Ämtern zum Frontwechsel bringen konnte, wie Vuk Draskovic, Chef der einst größten Oppositionspartei, kann er auch nicht mehr auf Käuflichkeit hoffen. Dafür steht der Kurs der Milosevic-Aktie bereits zu tief.

Die Zeit der Wendehälse hat begonnen. Darüber mag man die Nase rümpfen, aber es ist vor allem ein untrügliches Zeichen, dass der Wind sich dreht, dass die Aktie peoples power steigt. Die großen und kleinen Rädchen im Getriebe der Macht stellen sich auf Wechsel ein. Vielleicht, weil sie hoffen, unter neuer Führung und neuem Etikett Einfluss und Privilegien zu sichern. Gewiss aber auch, weil diese Menschen Söhne und Töchter haben, Verwandte und Freunde, die gegen das Regime gestimmt haben, womöglich auf den Straßen protestieren und in deren Augen sie einen Rest von Anstand retten wollen.

Wie viele Divisionen hat das Volk? Der wachsende Einfluss auf die Herzen macht die Kraft von peoples power aus. Bürger, die sich in Nischen zurückgezogen hatten, politisch apathisch geworden waren, weil gegen die da oben ja doch nichts zu ändern ist, fassen Mut. Sie stellen Autoritäten in Frage, denen sie gestern noch widerspruchslos gehorcht hatten.

Dann geschehen plötzlich Dinge, die nach der politischen Arithmetik unmöglich schienen. So war es in Polen, Bulgarien, Rumänien. Polens Kommunisten hatten sich am Runden Tisch im Frühjahr 1989 noch die absolute Mehrheit im Parlament garantieren lassen. Dennoch wurde im September 1989 Tadeusz Mazowiecki zum Premierminister gewählt. Auch viele Linke konnten sich dem Sog nicht mehr entziehen. In Bulgarien hatten die Sozialisten im Juni 1990 sogar die erste freie Wahl klar gewonnen. Trotzdem bekam ihr Präsidentschaftskandidat wenig später im Parlament nicht die Mehrheit. Draußen demonstrierten die Bürger für die demokratische Opposition, nach sieben dramatischen Wahlgängen war der Dissident Schelju Schelew Staatsoberhaupt - gewählt mit ex-kommunistischen Stimmen. In Rumänien verlief es weniger friedlich. Aber dort lief die Armee nach drei Tagen blutiger Schießereien zu den Demonstranten über. Auch Generäle haben Söhne und Töchter - irgendwann meldet sich auch ihr Gewissen.

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