Politik : Jugoslawien nach der Wahl: Opposition will Stimmen ein zweites Mal auszählen lassen

In ihrem Kampf um die Macht in Jugoslawien hat die Opposition eine Neuauszählung der Stimmen gefordert. Der Kandidat des Oppositionsbündnisses DOS, Vojislav Kostunica, forderte am Freitag "Länder mit guten Absichten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Experten" auf, die "Spannungen" abbauen zu helfen, die nicht nur Jugoslawien, sondern den ganzen Balkan zu destabilisieren drohten. Ein entsprechender Brief Kostunicas wurde auf einer Kundgebung in Belgrad vor mehr als 15 000 Teilnehmern verlesen. Zoran Djindjic, der Wahlkampfleiter Kostunicas, legte Berufung gegen das Ergebnis der Wahlkommission ein, die eine Stichwahl zwischen Kostunica und Präsident Slobodan Milosevic anberaumt hat. Auch in anderen Städten Serbiens gingen tausende Menschen auf die Straße. Journalisten des staatlichen Rundfunks forderten die Veröffentlichung "korrekter und unmanipulierter Wahlergebnisse".

Kostunica schrieb in seinem offenen Brief, sein Appell richte sich besonders an Griechenland, der Wiege der Demokratie. Nach Angaben griechischer Diplomaten arbeiteten der Athener Außenminister und seine Kollegen aus Frankreich und Russland "derzeit an einer Lösung der Krise" in Jugoslawien. Französische Diplomaten sagten, es werde an einem baldigen Treffen der Kontaktgruppe gearbeitet, zu der USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien gehören.

Djindjic sagte, die Wahlkommission müsse bis Mitternacht auf seine Berufung reagieren. Anderenfalls werde das Land ab Montag mit einem Generalstreik lahmgelegt. Mit dem Ausstand will die Opposition gegen die von der Regierung angekündigte Stichwahl zwischen Milosevic und Kostunica protestieren. In der ersten Wahlrunde am Sonntag hatte Kostunica Oppositionsangaben zufolge die absolute Mehrheit erreicht. Die DOS erstattete Angaben eines ihrer Rechtsberater zufolge zudem Strafanzeige gegen die Wahlkommission. Konkret richte sich der Schritt gegen 142 000 Stimmen, die Milosevic zugeschrieben worden und zum Teil aus Wahllokalen gekommen seien, die bei der Abstimmung "gar nicht geöffnet waren".

Kurz vor der Versammlung der Milosevic-Gegner in der Hauptstadt hatte die Opposition die Bevölkerung erneut zum zivilen Ungehorsam aufgerufen. Auf einigen Straßen Belgrads legten Hunderte von Demonstranten den Verkehr lahm. Autofahrer protestierten mit einem Hupkonzert gegen Milosevic. In der südserbischen Stadt Nis demonstrierten mindestens 5000 Schüler, Hunderte Ärzte und Krankenschwestern gegen Milosevic.

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