Politik : Jugoslawien nach der Wende: Das Ende des Terrors in der verbotenen Stadt

Stephan Israel

In Pozarevac ist der Albtraum zu Ende. Die Kleinstadt südlich von Belgrad ist Heimatort des Milosevic-Clans; vor allem war sie das Reich des Unternehmers und Präsidentensohnes Marko. Er hat die Kleinstadt terrorisiert, deshalb atmet man hier nun auf: Am Sonnabend ist Marko mit seiner Familie in ein Flugzeug Richtung Moskau gestiegen. Und die Eltern des gewalttätigen Sohnes halten sich in ihrem Bunker im Nobelvorort von Dedinje versteckt.

Zoran Milovanovic gehört zu jenen im Ort, die von einschlägigen Erfahrungen mit Marko und seinen Leibwächtern erzählen können. Der 20-jährige Jurastudent und Chef einer kleinen Oppositionspartei im Ort kann sich an den 7. März dieses Jahres sehr genau erinnern. Acht Männer von Markos Schlägertruppe holten ihn zu Hause ab. Sie brachten ihn zur Diskothek Madona, die dem Sohn des Präsidenten gehört. Im Auto auf dem Weg dorthin steckte einer von ihnen ihm eine Pistole in den Mund. Mit den Worten "Boss, wir haben ihn" übergaben sie ihr Opfer bei der Ankunft im Büro der Diskothek dem Chef. Doch das war nur das Vorspiel. Darauf folgten Prügel, und dann schaltete Marko eine Motorsäge ein. Er hielt sie Zoran vor den Kopf. Er werde ihn zersägen und seine Leiche in die Morava werfen, drohte Marko. Er sei doch Spion, ein Agent in fremden Diensten. Wieviel Geld er denn von der Europäischen Union bekommen habe? Irgendwann müssen Marko und seine Leute genug von ihrem Spaß gehabt haben und ließen ihr Opfer laufen.

Zoran war kurz im Krankenhaus und versteckte sich dann bei Freunden in Belgrad. Auch die Eltern bekamen wenig später Besuch von den Markos Schlägern, die diesmal mit Gewehren und Handgranaten ausgerüstet waren. Die Eltern wurden mit Nachdruck aufgefordert, nicht über den Vorfall zu sprechen. Zoran Milovanovic kann alle Namen der acht Männer aufzählen, die ihn gekidnappt haben. Heute hofft er, dass Marko Milosevic und seine Schlägertruppe vor Gericht gestellt werden können: "Gerechtigkeit ist die wichtigste Voraussetzung der Demokratie", sagt er. Und Zoran ist überzeugt, dass Demokratie jetzt auch in Pozarevac Einzug halten wird: "In einem Jahr wird Serbien auf den Füßen stehen, und wir werden ein normales Leben führen wie der Rest Europas".

Zoran war nicht der Einzige, der den Zorn des gewalttätigen Präsidentensohns zu spüren bekam. Dafür reichte es in Pozarevac, ein T-Shirt mit der schwarzen Faust, dem Symbol der studentischen Widerstandsbewegung Otpor zu tragen. Auch Momcilo Velkovic, der Zeitungsverkäufer und Bruder eines bekannten Journalisten hat sich Marko widersetzt. Jetzt ist er eine Art Lokalheld, denn er hat es gewagt, öffentlich gegen den Terror gegen zwei Otpor-Mitglieder aufzutreten. Die Leibwächter des Präsidentensohnes verprügelten ihn dafür auf offener Straße. Als Momcilo den Vorfall bei der Polizei meldete, drehte die den Spieß um und sperrte den Zeitungsverkäufer wegen Verdachts auf versuchten Mord ein. Ein Untersuchungsrichter mit Zivilcourage ließ den Unschuldigen nach zwei Monaten laufen. Das war im Frühjahr eines der deutlichen Signale dafür, dass die bisher uneingeschränkte Macht des Milosevic-Clans zu bröckeln begann.

Pozarevac war nicht umsonst als Serbiens "verbotene Stadt" bekannt. Marko hat der tristen Kleinstadt seinen Stempel aufgedrückt. Riesige Wandmalereien auf Hausfassaden im Zentrum zeigen im Stil des Sozialistischen Realismus eine heile Welt und werben vor allem für Markos Unternehmen. Ausländische Journalisten oder Oppositionspolitiker aus Belgrad waren nicht willkommen. Das lag daran, dass das Präsidentenpaar hier, nicht weit von der Hauptstadt entfernt, seine Wochenenden verbrachte. Auch der bis vor ein paar Tagen noch mächtige Innenminister hat hier sein Zweitdomizil, ebenso der Chef der Wahlkommission, der dem Präsidenten beim Stimmenklau behilflich war.

Schon für leise Kritik an den Milosevics und ihren Freunden brauchte es viel Mut. Slavoljub Matic, oppositioneller Abgeordneter im Stadtrat von Pozarevac, hatte es gewagt zu protestieren, als Marko Milosevic das Kulturzentrum im Ort unter seine Kontrolle bringen wollte. Marko Milosevic diffamierte ihn darauf im Lokalradio als Drogensüchtigen. Jetzt, nach dem historischen Donnerstag, dem Aufstand der Demonstranten in Belgrad, ist diese Zeit auch in Pozarevac vorbei. Davon künden die eingeschlagenen Schaufenster von Markos Bäckerei und die ausgeräumten Regale in Markos Elektronikshop. Nur vor der Diskothek stehen noch die kitschigen burgartigen Mauern in grellem Rosa - die teuren Anlagen haben Marko und seine Leute noch vor der Flucht abtransportiert.

Das Wichtigste aber ist: Slavoljub Matic, Ingenieur im Elektrizitätswerk, hat jetzt gute Chancen, neuer Bürgermeister von Pozarevac zu werden. Bei den Präsidentenwahlen am 24. September hat eine Mehrheit im Ort für den Oppositionskandidaten Kostunica gestimmt. Bei den Lokalwahlen, die gleichzeitig stattfanden, hat es zwar nicht für eine Mehrheit der bisherigen Opposition gereicht. Slavoljub Matic ist aber zuversichtlich, dass einige Sozialistische Abgeordnete jetzt die Seite wechseln und eine Stadtregierung von Serbiens Demokratischer Opposition (DOS) unterstützen werden.

Das Lager der Milosevic-Sozialisten befinde sich seit dem Sturz des Präsidenten in Auflösung, weiß Slavoljub Matic. Ohne den bis vor kurzem noch mächtigen Autokraten fühlt man sich dort verlasssen und kopflos. Nicht nur in Belgrad, auch in Pozarevac, gibt es seit dem vergangenem Donnerstag ein Machtvakuum. Jeden Tag melden sich zwischen 20 und 50 Bürger, die Mitglied der DOS werden wollen. Und der bisherige Bürgermeister, dem Präsidentenpaar loyal ergeben, ist abgetaucht.

Die Ortspolizei weiß noch nicht so recht, wie sie sich verhalten soll. Die lokalen Vertreter von DOS haben mit Slavoljub Matic an der Spitze einen Krisenstab eingerichtet, der eine geordnete Machtübernahme vorbereiten soll. Gespräche mit abtrünnigen Sozialisten laufen bereits. "Die Einwohner von Pozarevac wollen auch in ihrer Stadt eine Regierung der Demokraten", sagt Matic, "sonst bliebe Pozarevac ein schwarzes Loch in Serbien."

Als Bürgermeister würde Slavoljub Matic übrigens selbst für die Sicherheit der Milosevic-Familie sorgen. Lynchjustiz, sagt der Chef des Krisenstabs, dürfte es in Pozarevac nicht geben. Mit den Klagen der Bürger von Pozarevac müssten sich die Gerichte befassen. Doch wirklich empfehlen möchte Slavoljub Matic dem Clan des gestürzten Präsidenten eine Rückkehr nicht: "Das wäre ein Risiko für alle Beteiligten."

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