Politik : Jugoslawien: Serbische Arbeiter attackieren Kfor-Soldaten

Stephan Israel

Die UN-Verwaltung im Kosovo hat am frühen Montagmorgen den umstrittenen Trepca-Bergbaubetrieb im serbisch kontrollierten Norden von Mitrovica wegen Umweltbelastung durch die dortige Bleischmelze geschlossen. Anschliessend kam es in der geteilten Stadt zu heftigen Protesten der serbischen Belegschaft gegen die Besetzung des Betriebs durch Soldaten der Kosovo-Friedenstruppen (Kfor).

Die Kfor nutzte den Schutz der Dunkelheit: Am Montag kurz vor vier Uhr umstellten mehrere hundert Soldaten aus Grossbritannien, Dänemark und Frankreich die Zentrale des Bergbaukombinats von Trepca im serbischen Teil von Mitrovica. Einige der Männer trugen einen Mundschutz gegen die giftigen Abgase, die rund um die Uhr aus dem hohen Kamin des Schmelzofens strömen. 30 bis 40 Schichtarbeiter, die zur frühen Morgenstunde Dienst hatten, hielten sich vorerst verbarrikadiert. Nach längeren Verhandlungen konnten die Kfor-Einheiten jedoch die volle Kontrolle über das Gelände übernehmen. Im Verlauf des Tages versammelte sich vor den Fabriktoren eine Gruppe von wütenden Serben und bewarfen die ausländischen Soldaten mit Steinen. Vier Briten wurden dabei leicht verletzt.

Die Kfor-Soldaten waren im Auftrag der UN-Verwaltung für den Kosovo (Unmik) gekommen: Die Übernahme sei notwendig gewesen, um einer Gesundheitsgefährdung ein Ende zu setzen, erklärte Missionschef Bernard Kouchner. Die Protektoratsbehörde hatte vergangene Woche bekanntgegeben, dass die Bleiemissionen des Schmelzofens die zulässigen Grenzwerte um das 200fache überschritten. Dies ist für die UN-Verwaltung willkommener Anlass, die Kontrolle über die Zentrale des umstrittenen Bergbaukombinats zu übernehmen.

Zu Trepca gehört ein weit verzweigter Komplex von 40 Minen, aus denen zum Teil schon seit Jahrhunderten neben Blei auch Gold, Zink, Silber und Kadmium gefördert werden. Angegliedert ist zudem eine Reihe von Fabriken, in denen die Rohstoffe weiter verarbeitet werden. Die meisten Betriebe, einst wichtigste Arbeitgeber im Kosovo, stehen allerdings spätestens seit den Nato-Luftangriffen im vergangenen Jahr still. Serben und Albaner haben sich bisher auf eine Zusammenarbeit nicht einigen können.

Trepca hat für die Kosovo-Albaner starke symbolische Bedeutung. Der Widerstand gegen das serbische Apartheidsystem im Kosovo nahm Ende der 80er Jahre in den Bergwerken seinen Anfang. Die albanischen Bergarbeiter, die damals entlassen wurden, möchten zurück an ihre alten Arbeitsplätze. Die Verwaltungszentrale und der Schmelzofen liegen jedoch im serbisch kontrollierten Zvecan nördlich von Mitrovica. Trepca-Generaldirektor Novak Bijelica ist ein enger Vertrauter von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic. Er verweigerte jegliche Zusammenarbeit mit der UN-Verwaltung in Pristina und verglich kürzlich die Unmik mit den Nazis. Die Protektoratsbehörde wolle Trepca mit "Gewalt und Lügen" übernehmen, klagte Bijelica bereits vergangene Woche.

Die UN-Mission hat laut Mandat des Sicherheitsrates das Recht, die Kontrolle über alle Unternehmen auszuüben, die sich im jugoslawischen Staatsbesitz befinden. In Belgrad stellt man sich auf den Standpunkt, dass Trepca ein Privatunternehmen sei. Anfang der 90er Jahre hat das Belgrader Regime eine Scheinprivatisierung durchgeführt. Der Schmelzofen von Mitrovica war lange eine lukrative Einnahmequelle. Experten sehen Trepca aber auch als Mythos: Der Koloss sei kaum mehr rentabel. UN-Verwalter Kouchner versprach den wütenden Bergarbeitern auf Flugblättern, den Schmelzofen bald wieder in Betrieb zu nehmen. Vorerst sollen aber Filter gegen die Bleiemission eingebaut werden.

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