• Jugoslawien: Spion auf Sendung - Ein Journalist deckt Kriegsverbrechen auf - nun hört ihm Serbien endlich zu

Politik : Jugoslawien: Spion auf Sendung - Ein Journalist deckt Kriegsverbrechen auf - nun hört ihm Serbien endlich zu

Stephan Israel

Der erste Weg des freien Mannes führt ins befreite Fernsehstudio. Miroslav Filipovic, sichtlich erschöpft und um mehrere Kilo abgemagert, kommt im grauen Dreiteiler. Irgendwo unterwegs muss er sich noch schnell umgezogen haben. Am Dienstagnachmittag punkt 14 Uhr hat sich das Zellentor im Militärgefängnis der südserbischen Stadt Nis geöffnet. Draußen erwarten ihn schon seine Ehefrau und sein Rechtsanwalt und fahren ihn gleich die 200 Kilometer bis in die Hauptstadt Belgrad. Der Senderaum von Studio B liegt im 22. Stock des höchsten Hauses am Platz. So schnell können sich die Zeiten ändern. Als die Militärpolizei den Journalisten am 8. Mai verhaftete, rechnete niemand mit dem schnellen Sturz des Autokraten. "Hätte sich Milosevic mit den vorgezogenen Präsidentenwahlen am 24. September nicht verkalkuliert, würde ich wohl noch lange im Gefängnis sitzen", sagt Miroslav Filipovic, als könne er die überraschende Wendung noch nicht richtig fassen.

Ein Militärgericht hatte den Journalisten damals als "Spion" zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte über Kriegsverbrechen serbischer Einheiten im Kosovo berichtet - für ausländische Medien. "Den Richtern war klar, dass ich kein Spion bin", sagt Filipovic heute. Doch sie mussten das drakonische Urteil auf Weisung von oben verhängen.

Kaum im Amt, hat sich Jugoslawiens neuer Präsident Vojislav Kostunica des Falls von Serbiens prominentestem Häftling angenommen. Er ordnete an, dass die Militärbehörden den Prozess neu aufrollen. Miroslav Filipovic ist in Freiheit, aber er muss das befreite Serbien erst noch entdecken. Der Journalist glaubt, dass er mit seiner Arbeit als eine Art Katalysator für den Aufstand von vergangener Woche gewirkt hat: "Ich wusste, dass in Serbien die kritische Masse, die Energie für die Wende vorhanden ist."

Die Texte von Miroslav Filipovic, die in der unabhängigen serbischen Tageszeitung "Danas" gedruckt sowie über die französische Presseagentur AFP und eine Internet-Agentur mit Sitz in London verbreitet wurden, zeugten von den ersten Rissen im Machtapparat des Regimes. Armeeoffiziere erzählten dem Journalisten offen über Kriegsverbrechen, die von serbischen Einheiten im Kosovo an der albanischen Zivilbevölkerung begangen worden waren. Und sie machten auch aus ihrem Entsetzen über das, was sie gesehen hatten, kein Geheimnis.

Miroslav Filipovic wäre lieber für etwas anderes bekannt geworden als für seine Gefängnisstrafe. So kurz nach der Freilassung ist der Journalist "teils glücklich, teils traurig". Ein Teil von ihm, sagt er, sei in der Zelle zurückgeblieben.

Seine Zelle hatte Miroslav Filipovic mit drei Albanern aus dem Kosovo geteilt. Das Militärgefängnis von Nis ist voll mit Kosovo-Albanern, die von den serbischen Einheiten beim Abzug im vergangenen Jahr verschleppt und danach in Schauprozessen zu hohen Strafen verurteilt worden waren. Der Journalist hat sich mit seinen Zellengenossen sehr gut verstanden: "In einem gewissen Sinne war ich auf ihrer Seite." Er hofft nun, dass sich auch für sie die Zellentüren bald öffnen werden. Während der Befreite drinnen im Studio fast schüchtern und mit bedächtiger Stimme von seiner Arbeit und seiner Haft erzählt, sitzen im Vorraum die Ehefrau und seine beiden Kinder und beobachten den Vater am Bildschirm. Die Tochter arbeitet bei der Tageszeitung "Danas", und auch der Sohn will einmal in die Fußstapfen des Vaters treten.

Wie kam es, dass der 49-jährige Journalist sich als Erster und Einziger an das Tabuthema der serbischen Kriegsverbrechen gewagt hat? "Was mir passiert ist, ist die beste Antwort auf diese Frage", sagt Miroslav Filipovic nach dem Gespräch im Fernsehstudio. Er hat sich an den Abgrund herangewagt und dafür bitter bezahlt. Er kann nicht glauben, dass er der Einzige ist, der gewusst hat, was während der von Slobodan Milosevic angezettelten Kriege im Kosovo, in Bosnien und in Kroatien passiert ist. "Wir müssen unser Wissen mit unseren Lesern teilen", sagt er über sein Berufsverständnis. Und es geht ihm auch noch um etwas anderes: Für das, was einzelne Einheiten im Kosovo angerichtet haben, soll nicht eine ganze Nation schuldig sein. Miroslav Filipovic glaubt nicht an die Kollektivschuld. Er hofft, dass eines Tages auch die albanischen Berufskollegen über Verbrechen an Serben im Kosovo schreiben.

Doch was soll mit Slobodan Milosevic geschehen, dem gestürzten Autokraten, der weiter Politik machen will? Der Publizist sieht sich da nicht im Einklang mit der serbischen Mehrheit und der Position des neuen Präsidenten. Die Abrechnung mit der Vergangenheit scheint nicht auf der Prioritätenliste der Demokratischen Opposition Serbiens (DOS) an erster Stelle zu stehen. Neben dem Journalisten Filipovic wollen auch andere, etwa die Menschenrechtsaktivistin Natascha Kandic, Druck auf die neuen Behörden machen. Denn solange Milosevic und seine Leute auf freiem Fuß sind, können sich die demokratischen Behörden ihrer Kontrolle über die Polizei und Armee nicht ganz sicher sein. Serbien dürfe nicht sicherer Zufluchtsort von international gesuchten Kriegsverbrechern wie Milosevic, dem General Mladic oder dem Serbenführer Karadzic bleiben, hat Natascha Kandic in einem offenen Brief verlangt. Die Direktorin des Menschenrechtszentrums hat die Bürger aufgefordert, Klagen gegen die mächtigen Männer von gestern einzureichen. Täglich rufen jetzt Soldatenmütter an, die das alte Regime dafür verantwortlich machen, dass ihre Söhne nach Kroatien oder in den Kosovo in den Krieg geschickt wurden.

Auch Journalist Miroslav Filipovic will bei der "Befreiung Serbiens" mithelfen. Vergangenheitsbewältigung sei nötig, damit Serbien zu guten Beziehungen mit den Nachbarn zurückkehren könne. Er will vielleicht ein Buch veröffentlichen, vor allem aber viele Artikel schreiben über das, was passiert ist. Alle müssten sich beteiligen, meint er, auch die Nachbarn Serbiens müssten bei der Suche nach der Wahrheit mitmachen. Die alten Tabus gelten nicht mehr, das Interview vor den Kameras zeigt es. Noch vergangene Woche hätte Miroslav Filipovic auch als freier Mann nicht zur besten Sendezeit bei Studio B auftreten können. Am Sonntagabend strahlt der Sender erstmals einen Film über die Kriege von Slobodan Milosevic aus.

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