Politik : Jung, gesund, gut ausgebildet und gerne auch reich

Australien fördert auch in Zeiten der Finanzkrise die Zuwanderung. Die Zukunft des Landes hängt von qualifizierten Kräften ab

Alexander Hofmann[Mona Vale]

Dicht an dicht stehen die Häuser, die Dächer berühren sich fast. Ein hässlicher, mannshoher Bretterzaun begrenzt die Grundstücke, die so schmal sind, dass die Wände nicht einmal zwei Meter vom Nachbarn entfernt sind. Kaum zu glauben, dass dieses beengte Stadtviertel sich in Australien befindet, einem der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Den großen Städten des fünften Kontinents aber geht trotzdem langsam der Raum aus, so dass in Sydney, Melbourne oder Brisbane am Stadtrand nicht so gebaut wird, als ob sich nur 21,3 Millionen Menschen ein Land teilten, dass fast 20 Mal so groß ist wie Deutschland. Grund für den Platzmangel in den Metropolen ist vor allem die Einwanderung, die Woche für Woche fast 4000 neue Einwohner ins Land bringt. Und die brauchen Häuser.

Fast 60 Prozent des Bevölkerungswachtums stammt aus Immigration, wie in einem Bericht des australischen Statistikamtes kürzlich zu lesen war, die restlichen 40 Prozent aus natürlichem Bevölkerungszuwachs. Aus aller Welt strömen Menschen auf den fünften Kontinent. Seit Jahren hat die Regierung die staatlich gelenkte Einwanderung ausgeweitet, ohne dies groß an die Glocke zu hängen, weil dies politisch nicht opportun erschien. Unter dem bis vor einem Jahr amtierenden konservativen Premierminister John Howard war vor allem die Zuwanderung von geschulten Arbeitskräften gefördert worden. Außerdem legte Howard ein neues Programm auf, das „mittelfristige Immigration“ fördert, dringend gebrauchte Facharbeiter, die nur ein paar Jahre bleiben dürfen. In den vergangenen Jahren sind mit diesem speziellen Programm auch viele Südseeinsulaner gekommen, die von der Landwirtschaft als Pflücker angeheuert wurden.

Die Bevölkerung ist auch durch die enorme Zahl an auswärtigen Studenten in die Höhe geschnellt, allein im vergangenen Jahr vergaben die Behörden fast 300 000 Visa an Ausländer, die den Universitäten gutes Geld einbringen, aber auch weiteren Druck auf die sozialen Einrichtungen des Landes ausüben. Und natürlich auch auf den Immobilienmarkt, auf dem die private Bautätigkeit durch die Auswirkungen der Finanzkrise fast zum Erliegen gekommen ist. Immer mehr Australier mieten heutzutage Wohnungen oder Häuser, früher war dies den Einkommenschwachen vorbehalten oder denen, die gerade ein neues Haus bauten. Inzwischen bilden sich auch in Sydney oder Melbourne lange Schlangen, wenn eine Immobilie zur Vermietung steht.

Trotz der Probleme für die Infrastruktur Australiens – mehr Einwohner brauchen natürlich auch mehr Schulen, Krankenhäuser und Straßen – ist die verstärkte Einwanderung bei den Politikern gleich welcher Couleur fast unumstritten. Die seit einem Jahr amtierende Labor-Regierung hat die Immigration, die unter Howard schon gewaltig verstärkt worden war, noch weiter forciert. Sowohl Labor als auch die Konservativen kamen damit nicht zuletzt den Wünschen der Wirtschaft nach.

Vor allem der stetigen Einwanderung wird zugeschrieben, dass die Binnennachfrage allen Krisen zum Trotz stets hoch blieb und Australien auch während seines jetzt bereits 17 Jahre dauernden ununterbrochenen Wirtschaftswachstums nur moderate Lohnsteigerungen sah. Deswegen gehören zumindest manche Gewerkschaftsvertreter zu den wenigen Kritikern der Einwanderung, genauso wie radikale grüne Gruppen, die der Meinung sind, dass die Umwelt des fünften Kontinents so empfindlich ist, dass er bereits jetzt übervölkert ist. Sollte sich die Arbeitslosigkeit von derzeit nur wenig mehr als vier Prozent, wie von manchen Experten vorhergesagt, in den nächsten zwei Jahren mehr als verdoppeln, könnten zudem Politiker am äußersten rechten Flügel wieder mehr Zulauf bekommen.

Australien will sich aber der gegenwärtigen internationalen Finanzkrise zum Trotz auch für die Zukunft wappnen, wenn die „Babyboomer“ (geboren 1946 bis 1961) aus dem Arbeitsleben ausscheiden und nicht mehr genügend junge Leute nachfolgen, um die Arbeitsplätze zu füllen. In den vergangenen Jahren haben die Behörden sogar aktiv für die Einwanderung auf den fünften Kontinent geworben und mit Workshops in aller Welt versucht, „wertvolle“ Einwanderer zu finden. Denn nur wer dem Anforderungsprofil entspricht, hat eine Chance. Möglichst jung sollen die Bewerber sein, gesund und gut ausgebildet. Oder wenigstens reich, denn wer glaubhaft versichern kann, dass er Arbeitsplätze in Australien schafft, ist ebenfalls willkommen.

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