Politik : Jung und machthungrig Schiitenführer al Sadr will

direkten Einfluss auf die Politik

Andrea Nüsse[Amman]

Wenn der junge irakische Schiitenführer Moktada al Sadr nun von der bisherigen Linie der irakischen Geistlichkeit abweicht, hat das wenig mit religiösen Differenzen zu tun. Zwar gibt es unter Schiiten weit mehr Debatten und verschiedene Interpretationen der islamischen Texte als im sunnitischen Lager, weil sich jeder Gläubige seinen eigenen Religionsführer wählen kann. Und diese können in ihren Fatwas eigene Interpretationen vorlegen. Allerdings gibt es einen grundsätzlichen Konsens, der im Irak von der Hausa, dem informellen Geflecht der vier Großajatollahs und ihrer Religionsschulen in Nadschaf, vertreten wird.

Auch al Sadr agiert in enger, aber gespannter Beziehung zu diesem „Klerus“, zumal der Schiitenführer – er soll erst um die 30 Jahre alt sein – keinen religiösen Rang besitzt. Er braucht die moralische Rückendeckung der Religionsführer. Einig ist man sich, dass den Schiiten eine ihrem Bevölkerungsanteil entsprechende politische Macht übertragen werden soll. Aber wie sie zu ihrem Recht kommen sollen, darüber streiten Hausa und al Sadr. Er will sich direkt in die Politik einmischen, die Großajatollahs, an ihrer Spitze Ali Sistani, setzen auf indirekten Einfluss.

Damit steht al Sadr mehr in der iranischen Tradition als der iranisch-stämmige Sistani, der die in Nadschaf verbreitete Ansicht vertritt, dass Religionsführer zunächst für geistliche und moralische Angelegenheiten der Gläubigen zuständig sind. Erst unter dem Druck der Bevölkerung hat Sistani sich zum politischen Fürsprecher und mächtigsten Gegenpol der USA gemacht. Er lehnt Gewaltanwendung ab. Doch gibt es auch in anderen schiitischen Gruppierungen fließende Übergänge zwischen politischer und religiöser Rolle. Die unter Saddam Hussein gnadenlos dezimierte Dawa-Partei war jahrzehntelang das politische Gesicht der irakischen Schiiten. Auch der Oberste Rat für die Islamische Revolution mischt in beiden Feldern mit.

Wenn der Zusammenhalt der Gruppierungen aufbricht, werden möglicherweise auch Unterschiede in der religiösen Auslegung zu Tage kommen: So hat Sistani bisher argumentiert, dass man die eigenen Moralvorstellungen nicht allen Bürgern aufzwingen wolle. Die Anhänger al Sadrs sind weniger tolerant: Die Zerstörung von Alkoholläden und Angriffe auf Kinos, die westliche Filme zeigen, gehen auf das Konto dieser Gruppe.

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