Politik : Junge Mutter mit Hakenkreuzen beschmiert

Regierung in Paris beunruhigt über drastische Zunahme antisemitischer Angriffe

Hans Hagen Bremer

Paris - Die französische Öffentlichkeit ist erschrocken. Nur zwei Tage nachdem Staatspräsident Jacques Chirac die Franzosen zu größerer Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufgerufen hatte, wurde am Wochenende ein rassistischer Übergriff auf eine junge Mutter mit ihrem Baby bekannt. Die 23-Jährige fuhr in einem Zug im Westen von Paris, als sie von sechs Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren angegriffen wurde.

Die mit Messern bewaffneten Jugendlichen rempelten die Frau an, entrissen ihr den Rucksack mit ihren Papieren, Kreditkarte und Bargeld. Sie beschimpften sie als Jüdin, warfen sie zu Boden, schnitten ihr die Haare ab, schlitzten ihr T-Shirt auf malten ihr mit einem Filzstift drei Hakenkreuze auf den Bauch. Dann stießen sie den Buggy mit dem 13 Monate alten Baby um und flüchteten an der nächsten Station. Von den etwa 20 Passagieren griff keiner ein, um der Frau zu helfen.

Der Angriff vom Freitagmorgen wurde erst am Samstagabend bekannt. Die Frau hatte sofort Anzeige erstattet, war aber erst später in der Lage, den Hergang genauer zu beschreiben. Die Täter sollen nordafrikanischer Herkunft sein. Premierminister Jean-Pierre Raffarin, Innenminister Dominique de Villepin sowie Sprecher aller Parteien äußerten ihre Abscheu. Die Tatsache, dass niemand der Frau geholfen habe, mache besonders betroffen, sagte der Präsident des Zentralrats jüdischer Institutionen. Präsident Chirac verlangte, dass alles getan werde, die Täter zu finden und „mit der ganzen Strenge des Gesetzes zu bestrafen“.

Erst am Donnerstag hatte er die Franzosen zu mehr Toleranz aufgerufen und sie beschworen, sich gegen zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Rassismus „aufzubäumen“. Als Ort seines Appells hatte er die kleine Stadt Chambon-sur-Lignon gewählt, deren Bewohner während der deutschen Besatzung zahlreiche Juden versteckt und damit ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten. Die Zahl fremdenfeindlicher und rassistischer Übergriffe in Frankreich hat in jüngster Zeit nach Angaben der Regierung „in beunruhigender Weise“ zugenommen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden mit über 500 Angriffen und Beleidigungen mehr Taten mit rassistischem Hintergrund registriert als in ganz 2003. Davon hatten 135 einen eindeutig antisemitischen Charakter.

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