• Jurij Luschkow präsentiert sich dem Westen als Saubermann und den Russen als idealer Präsident

Politik : Jurij Luschkow präsentiert sich dem Westen als Saubermann und den Russen als idealer Präsident

Christoph von Marschall

Jurij Luschkow kam nur bis Moabit. "Hat Joschka Fischer immer noch nicht gelernt, dass 30-Minuten-Termine zu kurz sind für ein ernsthaftes Gespräch, wenn gedolmetscht werden muss?", murrte jemand aus der Berliner Senatverwaltung, als die "Esplanade" erst kurz vor 14 Uhr von der Anlegestelle hinter dem Dom los macht. Moskaus Oberbürgermeister wird es verschmerzen, dass die Tour auf der Spree von zwei Stunden auf eine gekürzt wurde. Charlottenburg, das vor dem Krieg den Spitznamen "Charlottengrad" trug und auch heute wieder ein Zentrum russischen Lebens in Berlin ist, kann er sich ein andernmal anschauen - womöglich demnächst als Präsident.

"Das ziehen wir alles von der Zeit bei Schröder ab", scherzte ein gut gelaunter Eberhard Diepgen. "Der übt sich doch eh gerade im Kürzen und Sparen." Für das liebevoll im Bug aufgebaute Berliner Buffet hat Luschkow keine Muße. Auch dem Reichstag mit der neuen Kuppel schenkt er vom Schiff aus keinen Blick. Er war ja schon morgens dort, im Büro von Wolfgang Schäuble. Jetzt gilt seine Aufmerksamkeit dem mitgereisten Team seines eigenen Fernsehsenders "TV Zentr". Auch in Moskau ist Wahlkampf. Ein nicht eben häufiger Anblick für die Bürger daheim: Luschkow im dunkelblauen Anzug aus feinem Sommertuch, nicht in der Lederjacke mit Schiebermütze, die zum Markenzeichen geworden sind: einer aus dem Volk, fußballbegeistert, der zur Balalaika Verse vorträgt und sich im Winter mit den Eisschwimmern in die Moskwa stürzt.

Am 19. Dezember stehen nicht nur die Duma-Wahlen an, sondern - über Mittag melden die Agenturen die Entscheidung des von Luschkow kontrollierten Stadtrats - nun auch vorgezogene OB-Wahlen in Moskau. So kann der Amtsinhaber sich wiederwählen lassen, ehe er sich im Sommer 2000 um das höchste Staatsamt bewirbt - vielleicht. Dazu mag der bald 63-Jährige sich auch heute nicht äußern. "Erstmal abwarten, wie das Bündnis mit Ex-Ministerpräsident Primakow bei der Duma-Wahl abschneidet", interpretiert einer der aus Moskau mitangereisten Vertreter der deutschen Wirtschaft. "Schaffen sie es, stärkste Fraktion zu werden, kann Primakow mit dem ehrenvollen Posten des Parlamentspräsidenten abgefunden werden - und Luschkow könnte ohne Konflikte im eigenen Lager Jelzins Nachfolge anstreben."

Das Protokoll verscheucht die Kameras. Während die "Esplanade" kurz nach Passieren des Bundesinnenministeriums am Moabiter Werder dreht, um wieder Kurs auf den Dom zu nehmen, läßt Luschkow sich ein Eisbein bringen. "Schade, dass Momper ihn nicht trifft", lästert ein Berliner. "Von Luschkow könnte er lernen, wie man eine Glatze poliert." Für die Rote Grütze bleibt keine Zeit. Als die Baustelle des Bundeskanzleramts wieder ins Blickfeld rückt, stehen die Stadtoberhäupter, beide im Wahlkampf und ganz kamerabewusst, bereits wieder an Deck. "Ein Hauch von Wall Street", bemerkt Luschkow anerkennend zu Diepgen.

Wall Street? Manche Berliner scheinen leicht irritiert über diese Assoziation. Und überhaupt: Im Vergleich zur bombastischen Erlöser-Kathedrale, die Stalin sprengen und Luschkow 1997 zum 850. Geburtstag von Moskau wieder errichten ließ, wirken die Neubauten hier fast bescheiden. Aber vielleicht ist es ja auch nur der Versuch, offensiv überzuleiten zu dem Thema, das Luschkow immer wieder von sich aus anspricht: der Finanzplatz New York und die ungeklärten milliardenschweren Kontobewegungen. "Diese Probleme, die die ganze Welt in Alarm versetzt haben, müssen aufgeklärt werden, ehe Russland um neue Kredite werben darf", sagt Luschkow in die Mikrofone.

In seiner Rede zur Eröffnung des Deutsch-russischen Forums, dem offiziellen Anlass seines Berlin-Besuchs, wird Luschkow deutlicher: "Russland ist nicht unheilbar krank." Sondern ein Machtwechsel sei unumgänglich. Er präsentiert sich als Saubermann, der in sieben Jahren Moskau auf Vordermann gebracht hat: den Autobahnring ausgebaut, Stadien überdacht, die fliegenden Händler und Obdachlosen vertrieben hat. In Moskau werden Löhne und Renten in der Regel pünktlich ausgezahlt, von hier kommt der Großteil des Steueraufkommens. "Chasjastwennik" nennen sie ihn: Macher, Patriarch und Beschützer. "Auch in Moskau muss man bis zu 50 Prozent nebenher abdrücken, wenn man ins Geschäft kommen will", schränkt einer der Wirtschaftsvertreter an Bord der "Esplanade" ein. "Aber Luschkow hat das Geld nicht in die eigene Tasche gesteckt, sondern in die Stadt investiert. Dafür lieben ihn die Moskauer."

Und was ist diesmal in der KPM-Geschenkpackung, die Diepgen Luschkow überreicht, als die "Esplanade" bereits wieder am Kai festmacht? "Ein kämpfender Bär", verrät Diepgen. "Den hat er noch nicht." Passend für einen, der zum russischen Bärenführer werden will.

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