Justiz : "Allahs Töchter“ bringen türkischen Autor vor Gericht

"Ich habe einen Roman geschrieben, und mein ganzes Leben hat sich verändert", sagt Nedim Gürsel. Angenehm ist diese Veränderung für Gürsel möglicherweise nicht – denn sein Roman könnte ihn ins Gefängnis bringen. Viele Muslime empfinden das Werk als Beleidigung.

Thomas Seibert

IstanbulMit bis zu drei Jahren Haft muss der türkische Schriftsteller rechnen, weil er mit seinem Buch namens "Allahs Töchter" die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt haben soll. Gürsel, im deutschsprachigen Raum vor allem durch seinen Istanbul-Roman "Der Eroberer" bekannt, ist nicht nur wegen der Haltung der Justiz geschockt: Kurz vor Prozesseröffnung hat das staatliche türkische Religionsamt sein Buch offiziell als beleidigend eingestuft. Der Fall wirft ein schlechtes Licht auf den Stand der Meinungsfreiheit im EU-Bewerberland Türkei. Der Wirbel um "Allahs Töchter" erinnert ein wenig an die Aufregung um Salman Rushdies "Satanische Verse". Beide Bücher spielen in der Gründerzeit des Islam im siebten Jahrhundert, und in beiden taucht der Prophet Mohammed als Romanfigur auf. Bei Rushdie regten sich Kritiker über das Buch auf, ohne es gelesen zu haben. Nach Gürsels Einschätzung ist das auch bei "Allahs Töchtern" so. Der vom Religionsamt mit der Bewertung seines Buches beauftragte Experte habe in seinem Bericht so falsch aus dem Roman zitiert, dass sich die Frage stelle, ob er es wirklich gelesen habe, sagte Gürsel dem türkischen Nachrichtensender NTV. "Allahs Töchter" ist seit dem vergangenen Jahr auf dem türkischen Markt und hat sich laut Gürsel seitdem rund 30.000 mal verkauft, was für den türkischen Buchmarkt ein ansehnlicher Erfolg ist. Kaum war der Roman erschienen, begann schon das erste staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren. Damals konnte Gürsel, der an der Pariser Sorbonne türkische Literatur unterrichtet, die Justiz noch davon überzeugen, dass das Buch keine Beleidigungen enthalte. Wenige Monate später ordnete ein übergeordnetes Gericht dann trotzdem ein Verfahren an. Gürsel war wie vom Donner gerührt, wie er Anfang des Jahres sagte: "Das bedeutet, dass einige Kreise die Türkei unbedingt als Land erhalten wollen, in dem Schriftsteller vor Gericht gestellt werden." Diese Zeiten sollten eigentlich vorbei sein. Nach einer Welle von Prozessen gegen Autoren wie Nobelpreisträger Orhan Pamuk in den vergangenen Jahren hatte die Regierung die Eröffnung solcher Verfahren erschwert. Die Zusicherungen aus Ankara seien aber offenbar nichts wert gewesen, sagte Gürsel jetzt enttäuscht. Dass ein Schriftsteller wegen eines Romans mit einer Gefängnisstrafe bedroht wird, passt nicht zum Bild eines Landes, das in die EU aufgenommen werden will. Brüssel fordert immer wieder, die Türkei müsse die Meinungsfreiheit stärken. Doch nicht nur die Justiz stellt sich quer. Dass das Religionsamt ein Urteil über seinen Roman abgab, bringt Gürsel fast noch mehr auf die Palme als die Aussicht auf seinen Prozess. "Das ist eine staatliche Behörde", sagte er über das Religionsamt, das in der Türkei über eine staatstragende Ausrichtung des Islam wacht. "Wie kommt (diese Behörde) denn dazu, ihre Meinung über ein literarisches Werk abzugeben?" Zudem habe sich das Amt damit in ein laufendes Verfahren eingemischt. Der Gutachter des Religionsamtes hatte unter anderem kritisiert, dass eine Romanfigur den Propheten Mohammed ein "ignorantes Kind" nenne. Gürsel sagte dazu, in der Passage spreche ein Gegner Mohammeds, und von einem solchen könne man kaum erwarten, dass er in einem seriösen Roman mit Lobeshymnen über den Propheten zitiert werde. Er habe Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer Menschen, betonte der Schriftsteller. "Aber ich denke, ein Autor, Intellektueller oder Denker muss den Glauben in Frage stellen dürfen – wenn er nicht in einem theokratischen Land lebt".

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