Politik : Justiz: Mord an Politkowskaja gelöst

Drahtzieher sollen sich in London aufhalten

Elke Windisch

Moskau - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. In der Mordsache Anna Politkowskaja, so Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika, gebe es „signifikante Fortschritte“. Die 47-jährige Journalistin war am 7. Oktober letzten Jahres vor ihrem Haus in Moskau erschossen worden. Wie Ermittler es damals formulierten, seien die Motive „in ihrer beruflichen Tätigkeit“ zu suchen. Im Klartext: Politkowskaja hatte für die regimekritische „Nowaja Gaseta“ gearbeitet und war dem Kreml vor allem wegen unfreundlicher Berichterstattung aus Tschetschenien aufgefallen.

Die Mehrheit der westlichen Beobachter vermutete die Auftraggeber daher im Dunstkreis der Geheimdienste oder gar im Kreml. Präsident Wladimir Putin konterte postwendend. Der Mord an Politkowskaja habe für Russland mehr Schaden angerichtet als alles, was sie geschrieben habe. In der Tat. Nach den Schüssen auf die Journalistin setzten sich internationale Organisationen und ausländische Medien wieder einmal ausführlich mit Moskaus Sonderweg zu Demokratie und Rechtstaatlichkeit auseinander. Um Schadensbegrenzung bemüht, setzte Tschaika als Oberster Ankläger Russlands daraufhin die besten Fahnder auf den Fall an und nahm ihn unter persönliche Kontrolle.

Weil sich im Oktober Politkowskajas Todestag zum ersten Mal jährt und wegen nahender Wahlen war es für Tschaika hohe Zeit, erste konkrete Ergebnisse vorzulegen. Insgesamt zehn Tatverdächtige, rapportierte er am Montag bei Putin im Kreml, seien zwischen 15. und 23. August festgenommen worden, in den nächsten Tagen werde ihnen die offizielle Anklage vorgehalten.

Ausführendes „Organ“ war demzufolge eine „kriminelle Bande unter Führung eines Tschetschenen“, die sich auf Auftragsmorde spezialisiert habe. Auf deren Konto gehen laut Tschaika womöglich weitere spektakuläre Morde: an Paul Chlebnikow, dem Chefredakteur der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Forbes“, und an Vize-Zentralbankchef Andrej Koslow. Was Tschaika zu den Hintermännern zu sagen hatte, war weniger konkret. Demzufolge sind die Drahtzieher in der Londoner Emigrantenszene zu suchen: allen voran der in Ungnade gefallene Multimilliardär Boris Beresowski und der Emissär der tschetschenischen Separatisten, Ahmed Zakajew.

An der Tat beteiligt sind nach Angaben Tschaikas auch ehemalige und aktive Mitarbeiter des Innenministeriums und der Geheimdienste gewesen. Das deutet nach Meinung hiesiger Beobachter auf einen gnadenlosen Machtkampf zwischen Liberalen und Hardlinern in Putins Umgebung hin. Dessen Höhepunkt dürfte mit der heißen Phase des Wahlkampf zusammenfallen: Anfang Dezember wählt Russland ein neues Parlament, im März den Präsidenten. Elke Windisch

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben