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Kämpfe in Afghanistan : Taliban lassen sich in Kundus nicht zurückdrängen

Die Kämpfe in der nordafghanischen Stadt Kundus dauern an. Nato-Soldaten helfen den kampfesmüden Regierungstruppen gegen die Islamisten.

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Der Provinzgouverneur sagt den eigenen Einheiten mangelnden Kampfeswillen nach.
Der Provinzgouverneur sagt den eigenen Einheiten mangelnden Kampfeswillen nach.Foto: Najim Rahim/dpa

Im afghanischen Kundus kommt die Gegenoffensive der Regierung nur schwer voran. Am Mittwoch dauerten die Gefechte bereits den dritten Tag an. Zwar vertrieb die Armee nach eigenen Angaben die Islamisten in der Nacht zum Mittwoch aus dem Polizeihauptquartier der Stadt. Auch ein Angriff auf den Flughafen wurde nach einem Einsatz der US-Luftwaffe abgewehrt. Ein großer Teil des ehemaligen Bundeswehrstandortes blieb jedoch in der Hand der Aufständischen. Bis zum Abend war es Regierungstruppen nicht gelungen, die Provinzhauptstadt im Norden des Lande von den Taliban zurückzuerobern. Auch Spezialkräfte der Nato griffen offenbar in die Kämpfe ein, offiziell war aber nur von “Selbstverteidigung” die Rede ist. Derweil weiteten die Taliban ihre Angriffe auf Nachbarprovinzen aus.

Soldaten fehlt Kampfeswille

Die 5000 Sicherheitskräfte hatten sich laut Medien am Flughafen verschanzt, um auf Verstärkung zu warten. Ihnen sollen 500 bis 2000 Taliban-Kämpfer gegenüberstehen. Doch vielen Soldaten fehle der Kampfeswille, sagte Mohammad Zahir Niazi, Distriktchef von Chardara in der Provinz Kundus, der Nachrichtenagentur Reuters. “Wir haben genug Kräfte, um die Taliban anzugreifen. Aber leider fehlt der Wille und die Entschlossenheit, zu kämpfen.”

Deutsche, britische und amerikanische Spezialkräfte trafen in Afghanistan ein, um, wie es offiziell hieß, die Regierungstruppen zu beraten. Dabei wurden sie laut Militärs attackiert und in Kämpfe verwickelt. Am Dienstagabend hatten die Taliban den Flughafen angegriffen. Mit Hilfe von US-Luftschlägen und Nato-Kräften gelang es den afghanischen Truppen, die Islamisten zurückzudrängen.

6 000 der 300 000 Einwohner von Kundus sollen geflohen sein. Die Hospitäler sind mit Hunderten Verletzten überfüllt. 30 bis 100 Zivilisten sollen getötet worden sein. Derweil drangen aus Nachbarbezirken alarmierende Nachrichten: So sollen die Radikalislamisten auch in der Provinz Takhar, im Osten von Kundus, seit zwei Tagen verstärkt Militärposten und Regierungsgebäude attackieren.

Gewaltige Verluste schlagen auf die Moral

Um ihren Abzug Ende 2014 abzufedern, hatte die Nato die afghanischen Sicherheitskräfte auf 350.000 Mann hochgepuscht. Doch viele sind schlecht ausgebildet, schlecht ausgerüstet und entmutigt. Die Verluste sind riesig: Allein in diesem Jahr starben bis Ende Juli über 4300 afghanische Soldaten und Polizisten bei Gefechten. Zum Vergleich: Die USA verloren seit 2001 insgesamt rund 2000 Soldaten. Die gewaltigen Verluste schlagen auf die Kampfmoral, in Massen desertieren afghanische Soldaten. Andere laufen zu den Taliban über.

Die Einnahme von Kundus ist für die Islamisten der größte Triumph seit 2001 - und für die Regierung ein Debakel. Parlamentarier verlangten den Rücktritt von Präsident Ashraf Ghani und “Geschäftsführer” Abdullah Abdullah. “Es ist beschämend, wie sie die Situation in Kundus handeln”, sagte Iybal Safi aus der Kapsica Provinz. “Ghani und Abdullah müssen zurücktreten.”

Die Nato hatte Ende 2014 die meisten Soldaten abgezogen, die verbliebenen 13.000 sollen beraten und ausbilden. Seitdem hat sich die Sicherheitslage rasant verschlechtert. Landeskenner haben das Schlamassel lange vorausgesagt. Der pakistanische Taliban-Experte Ahmed Raschid warnte 2010, dass sich der Krieg nur am Verhandlungstisch beenden lässt. “Afghanistan wird bis 2014 keine Armee und Polizei haben, die dieser Aufgabe gewachsen ist. Gespräche mit den Taliban sind der einzige Weg, den Krieg zu beenden. Ein militärischer Sieg über die Taliban ist eine Illusion.”

Zwar gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Chancen für Gespräche, doch sie wurden - mal von der einen, mal von der anderen Seite - verspielt. Inzwischen scheint die Situation verfahrener denn je. Zwar setzt Ghani auf Friedensgespräche, aber diese liegen seit Monaten auf Eis. Während die Taliban an Stärke gewinnen, erscheint die Regierung zusehends schwächer. Das mindert ihre Chancen, bei einem Friedensdeal zentrale Forderungen durchzusetze

Pentagon: Unsere Kräfte werden entsprechend reagieren

Die Koalition hat noch eine Truppenstärke von 13.200 Mann in Afghanistan, davon 6800 Amerikaner. Dazu kommen die 3000 US-Spezialkräfte für den Anti- Terror-Einsatz. Diese waren auch an den Einsätzen am Flughafen Kundus beteiligt. Aus dem Pentagon hieß es, selbstverständlich sei Kundus ein Rückschlag. "Aber unsere Kräfte", sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministers, Peter Cook, "haben schon in den vergangenen Wochen und Monaten auf solche Herausforderungen reagiert. Sie werden es auch in Kundus tun." Im Pentagon wird der Angriff auf Kundus als "Publicity-motiviert" betrachtet. Auf kritische Fragen in Washington, warum die amerikanischen Truppen nicht entschlossener reagierten, verwies Cook auf die Gefahr für Zivilisten.
Während in Deutschland längst eine Diskussion über den geplanten Abzug aus Afghanistan begonnen hat, reagierte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, zurückhaltend: "Im Moment sehe ich kein unmittelbares Anzeichen, dass sich unsere Langzeitstrategie in Afghanistan ändern würde." Am Montag steht die Situation in Afghanistan auf der Agenda des US-Senats. General John Campbell, Kommandeur der Schutztruppe in Afghanistan, soll den Senat unterrichten. Er hat offenbar bereits Korrekturen vorgeschlagen, wie das "Wall Street Journal" berichtet.

 

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