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Kämpfe in der Ukraine : Über 30 Tote in Odessa, Offensive in Slawjansk

In der ukrainischen Hafenstadt in der Nähe der Krim sind mindestens 31 Menschen bei einem Brand in einem Gewerkschaftshaus ums Leben gekommen. Auch im Osten der Ukraine spitzt sich die Lage weiter zu.

Ein Demonstrant schmeißt einen Brandsatz auf das bereits brennende Gewerkschaftshaus in Odessa.
Ein Demonstrant schmeißt einen Brandsatz auf das bereits brennende Gewerkschaftshaus in Odessa.Foto: Reuters

Nach den blutigen Zusammenstößen zwischen prorussischen und Kiew-treuen Demonstranten in der südukrainischen Stadt Odessa sind bei einem durch schwere Straßenschlachten verursachten Gebäudebrand mindestens 31 Menschen ums Leben gekommen. Das Feuer sei im zentralen Haus der Gewerkschaften ausgebrochen, teilte die Polizei am Freitag nach Angaben der Agentur Interfax mit.

Das ukrainische Innenministerium sprach zunächst von 38 Toten, wobei 30 von ihnen durch Rauchgasvergiftungen und acht weitere an Verletzungen gestorben seien, die sie sich durch panische Sprünge aus Fenstern zugezogen hätten. Das Feuer sei auf „kriminelle Brandstiftung“ zurückzuführen, hieß es weiter.

Schon zuvor war es am Freitag zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Anhängern der Regierungen in Kiew und Moskau gekommen, bei denen vier Menschen getötet wurden. Nach wochenlangen Unruhen im Osten der Ukraine war dies der erste offene Gewaltausbruch im Süden des Landes.

+++Ukrainische Truppen rücken in Slawjansk vor+++

Im Osten der Ukraine spitzt sich die Auseinandersetzung immer weiter zu. Am Freitagabend rückten ukrainische Regierungstruppen gegen Warnungen aus Russland mit schweren Waffen ins Zentrum der von Separatisten besetzten Stadt Slawjansk vor. Zwei Soldaten seien bei einem Feuergefecht in der Ostukraine getötet worden, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew am Freitagabend mit. Die russische Staatsagentur Itar-Tass meldete, das Hauptquartier der prorussischen Aktivisten, die die Stadt seit Wochen kontrollieren, liege unter Beschuss. Die Agentur Interfax zitierte Separatisten, wonach elf gepanzerte Fahrzeuge sowie mehrere Busse mit Infanterie ins Zentrum eingedrungen seien.

+++Ukrainische Regierung räumt Schwierigkeiten bei Offensive gegen Aktivisten ein+++

Die ukrainische Führung hat Probleme bei ihrer Offensive gegen prorussische Aktivisten bei der Stadt Slawjansk im Osten des Landes eingeräumt. Die Operation gehe „nicht so schnell voran wie wir uns das wünschen“, sagte Übergangspräsident Alexander Turtschinow am Freitag einer Mitteilung zufolge. Grund sei, dass die „Terroristen“ sich in bewohnten Gebieten verschanzten und Zivilisten als Schutzschilde missbrauchten. Die Einsatzkräfte hätten aber alle Stellungen um die Stadt herum in ihre Gewalt gebracht und dem Gegner „schwere Verluste“ zugefügt, behauptete Turtschinow. Auf eigener Seite seien zwei Soldaten getötet und sieben verletzt worden.

+++Putin: Kiew ist im "Kampfmodus"+++

Kremlchef Wladimir Putin hat der ukrainischen Regierung vorgeworfen, mit dem Einsatz gegen moskautreue Aktivisten die „letzte Hoffnung“ auf die Umsetzung des Genfer Abkommens zu zerstören. Die Führung in Kiew habe in den Kampfmodus geschaltet und greife friedliche Siedlungen an, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow am Freitag nach Angaben russischer Agenturen. Er sprach von einer „Strafaktion“ der Regierungstruppen.

Die Barrikaden vor Slawjansk wurde wohl durchbrochen.
Die Barrikaden vor Slawjansk wurde wohl durchbrochen.Foto: AFP

Das russische Außenministerium sagte sogar, Kiews Einsatz gegen das eigene Volk führe das Land in die „Katastrophe“. Zudem wurde in der Mitteilung der ukrainischen Regierung vorgeworfen, in der Stadt Slawjansk einen „Vergeltungseinsatz unter Beteiligung der Terroristen“ der rechtsextremen Gruppierung Prawy Sektor gestartet zu haben.

Putins Sprecher sagte, der Präsident habe gewarnt, bei einer solchen Operation würde es sich um ein Verbrechen handeln. „Leider bestärkt die Entwicklung seine Einschätzung völlig“, sagte Peskow. Putin habe am Vorabend den früheren Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin als Sonderbeauftragten in die Region geschickt. Seit Beginn der ukrainischen Offensive sei der Kontakt zu Lukin aber abgebrochen. Die Führung in Kiew befürchtet, dass Putin seine Truppen in die Ost- und Südukraine einmarschieren lassen könnte - unter dem Vorwand, russische Bürger oder Interessen dort zu schützen. Ein Mandat für diesen Fall hatte sich der Präsident bereits vom Parlament geben lassen. Allerdings hatte er betont, er hoffe, von dieser Vollmacht nicht Gebrauch machen zu müssen.

+++Zwei Hubschrauber abgeschossen+++

Ukrainische Regierungstruppen waren zuvor in die von moskautreuen Kräften kontrollierte Stadt Slawjansk eingedrungen. Der selbst ernannte „Bürgermeister“ Wjatscheslaw Ponomarjow sagte zu „Bild.de“, die Angreifer hätten den Bahnhof eingenommen. Dabei sind offenbar mehrere Separatisten getötet worden. Es gebe „mehrere Tote“ auf ihrer Seite, sagte ein Sprecher der moskautreuen Kräfte am Freitag. Genaue Zahlen nannte er nicht. Bisher hatte die „Volksmiliz“ von einem Toten berichtet, die Regierung räumte den Tod zweier Mitglieder der Sicherheitskräfte ein. Der Aktivistensprecher bestätigte, dass Regierungstruppen den Bahnhof der Großstadt eingenommen hätten. Die Kämpfer hielten aber weiter mehrere Straßensperren bei Slawjansk besetzt.

Ein Checkpoint der ukrainische Armee nahe der Stadt Slawjansk.
Ein Checkpoint der ukrainische Armee nahe der Stadt Slawjansk.Foto: dpa

Die ukrainischen Regierungstruppen sind am Freitag mit Hubschraubern und Militärfahrzeugen gegen prorussische Aktivisten im Osten des Landes in die Offensive gegangen. Innenminister Arsen Awakow bestätigte am Freitag bei Facebook, dass Truppen der Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums bei den Städten Slawjansk und Kramatorsk eine „aktive Phase der Anti-Terror-Operation“ begonnen hätten. Ein Hubschrauberpilot sei getötet worden, als Separatisten mit Panzerfäusten (RPG) das Feuer eröffnet hätten. Das Verteidigungsministerium berichtete vom Verlust von zwei Helikoptern.

Die Behörden in Kiew reagierten nach Angaben aus Moskau mit dem Verbot von Flügen russischer Airlines in die ostukrainischen Großstädte Charkow und Donezk. Die russische Luftfahrtbehörde sprach am Freitag von einem „beispiellosen Verstoß gegen internationales Recht“. Es drohe die Gefahr einer „humanitären Blockade“ in der Ostukraine. In diesen Regionen halten prorussische Milizen in vielen Städten staatliche Gebäude besetzt. Die ukrainische Führung fürchtet, dass sie Verstärkung aus dem nahen Russland erhalten und hat bereits die Einreise für russische Männer stark verschärft. Gegenmaßnahmen seien nicht geplant, betonte die Moskauer Behörde in einer Mitteilung.

+++Ein Pilot kam bei einem Schusswechsel ums Leben+++

Am Stadtrand von Slawjansk seien mehrere Mitglieder der moskautreuen „Selbstverteidiger“ bei Schusswechseln verletzt worden, ein Aktivist sei getötet worden, sagte Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow der russischen Staatsagentur Ria Nowosti. Slawjansk hat mehr als 100 000 Einwohner.

Seine Kämpfer hätten zwei ukrainische Militärhubschrauber abgeschossen, sagte Ponomarjow. Ein Pilot sei dabei ums Leben gekommen, ein weiterer sei gefangen genommen worden. Zwei weitere Besatzungsmitglieder seien geflüchtet, sagte der selbst ernannte „Bürgermeister“ von Slawjansk. Das russische Staatsfernsehen berichtete sogar von drei abgeschossenen Hubschraubern.

Auf Fotos in russischen Medien waren brennende Barrikaden aus Autoreifen zu sehen. Gegen 8.00 Uhr Ortszeit sei der Angriff unterbrochen worden, hieß es Ponomarjow räumte nach Angaben von Ria Nowosti ein, dass ukrainische Regierungstruppen den örtlichen Fernsehsender erobert hätten. Innenminister Awakow berichtete von neun übernommenen Kontrollposten.

+++Ponomarjow: Geiseln sind an sicherem Ort+++

Die Operation in der Ostukraine laufe wie geplant, behauptete der ukrainische Innenminister Awakow. Er rief die Anwohner auf, ihre Häuser nicht zu verlassen und von den Fenstern fernzubleiben.
Die Kämpfer des Milizenführers Ponomarjow halten seit einer Woche mehrere Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Slawjansk fest, darunter drei Bundeswehr-Soldaten und einen deutschen Dolmetscher. Die Geiseln seien an einen „sicheren Ort außerhalb der Kampfzone gebracht“ worden, sagte Ponomarjow zu „bild.de“. Die Bundesregierung erklärte, der Kontakt zu den Geiseln sei nicht abgerissen. „Es hat am Freitag einen Kontakt gegeben“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, die Gespräche über eine Freilassung der Männer seien in „einer sehr sensiblen Phase“.

+++"Anti-Terror-Einsatz" bislang wenig erfolgreich+++

Das ostukrainische Slawjansk wird seit Wochen von der „Volksmiliz“ kontrolliert. Seit einer Woche halten „Bürgermeister“ Ponomarjow und seine Kämpfer dort mehrere Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) fest, darunter vier Deutsche. Die prowestliche Führung in Kiew hatte in der russisch geprägten Region einen „Anti-Terror-Einsatz“ gegen die Separatisten angeordnet. Bislang hatte die Offensive aber keine Erfolge gebracht. (dpa/Reuters/AFP)

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