Politik : Kämpfen statt aufbauen

In Holland wächst Kritik am Einsatz in Afghanistan

Rolf Brockschmidt

Berlin - „Das ist wie Aufwischen bei laufendem Wasserhahn.“ So charakterisierte der stellvertretende Nato-Kommandeur des Regionalkommandos Süd-Afghanistan (Isaf III) und höchste niederländische Militär in Afghanistan, Oberst Arie Vermeij, den Kampf gegen die Taliban. In der Ausgabe der Hauszeitung des niederländischen Verteidigungsministeriums vom vergangenen Freitag schrieb Vermeij, dass die Taliban mit Anschlägen und militärischen Aktionen den geplanten Wiederaufbau störten. „Leider unterstützt Al Qaida die Taliban, die außerdem Hilfe aus Pakistan bekommen. Die pakistanischen Behörden scheinen nicht in der Lage zu sein, im Grenzgebiet Belutschistan die Taliban anzugreifen und die Grenze dicht zu halten. Etwa 40 Prozent der Taliban, vor allem Führungspersonal, bilden den harten Kern und kommen gut trainiert direkt aus Pakistan“, schrieb der Kommandeur.

„Mit etwa 60 Prozent Sympathisanten in der lokalen Bevölkerung bildet diese Gruppe eine gefürchtete Bedrohung für den Wiederaufbau. Die Taliban werden von Pakistan aus permanent mit neuen Waffen, Material und Fahrzeugen beliefert. Wir nehmen viele Taliban gefangen oder schalten sie aus, aber für sie kommen stets neue Kämpfer aus Pakistan und anderen Ländern zurück.“ Diese düstere Einschätzung von Oberst Vermeij blieb in den Niederlanden nicht unwidersprochen: Der Oberbefehlshaber der niederländischen Streitkräfte, Dick Berlijn, sagte der Nachrichtenagentur ANP, dass der Oberst die Situation zwar als schwierig dargestellt, nicht aber die Mission generell in Zweifel gezogen habe. Mit Pakistan würden Gespräche geführt, um den Zustrom von Taliban zu unterbinden, aber das sei in einem unwegsamen Gebiet schwierig.

Die Entsendung der über 1200 niederländischen Soldaten in die südafghanische Provinz Urusgan war in den Niederlanden sehr umstritten gewesen. Das Parlament hatte nur angesichts der Aussicht zugestimmt, dass die Soldaten den Wiederaufbau in Urusgan stützen sollten. Nato-Kommandeur Vermeij weiß denn auch Positives zu berichten: Man habe ein Krankenhaus und eine Moschee renoviert, eine Brücke gebaut und Straßen repariert, Bewässerungsanlagen gebaut und Beleuchtung mit Hilfe von Solarzellen installiert, Schulen mit Unterrichtsmaterial beliefert.

Anfang September nahmen rund 100 niederländische Soldaten allerdings erstmals außerhalb ihres Einsatzgebietes in der benachbarten Provinz Kandahar an der Nato-Offensive „Medusa“ teil. Dies war das heftigste Gefecht, in das niederländische Soldaten bisher verwickelt wurden. Allein bei der Aktion „Medusa“ sollen insgesamt 500 Talibankämpfer getötet worden sein.

Die niederländische Soldatengewerkschaft AFMP/FNV kritisierte einerseits zwar die Äußerungen von Oberst Vermeij als nicht sehr ermutigend für die Soldaten. Die Gewerkschaft bemängelte aber auch den Auftrag: „Das Mandat für die Mission stimmt nicht. Die Soldaten dort kommen gar nicht dazu, das zu tun, wofür sie gekommen sind: nämlich aufzubauen“, sagte ein Gewerkschaftssprecher. „Kämpfen und aufbauen geht nicht zusammen.“

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