Politik : Kaffee, Kunst und Kuchen

Wer ins Museum geht, will eigentlich nur schauen. Oder auch schlemmen? Ein Streifzug durch Museumscafés

von
1899
1899Foto: mauritius images

Ach, Salzburg. Von der Terrasse des „m32“ hat man den schönsten Blick auf die Festspielstadt. Seit 2002 befindet sich hier, halb in den Fels des Mönchsbergs hineingebaut, das Museum der Moderne mit angeschlossenem Edelrestaurant, von Stardesigner Matteo Thun gestaltet. Oder sollte man sagen: Hinterm Resto gibt’s auch ein Museum?

Österreich ist ein Hort der Gastlichkeit. Das steht in jedem Reiseführer und ist trotzdem richtig. Wer schräg hinter der Staatsoper in die „Graphische Sammlung Albertina“ hinauf will, muss nicht unbedingt die Schausäle suchen. Schneller geht es linkerhand ins „DO&CO“, ein als Cateringbetrieb zu Kultstatus gelangtes Unternehmen, das in der Albertina das wien-typische Kontinuum von Mittagstisch über Kaffeeausschank bis Barbetrieb anbietet. Entsprechend edel ist das Ambiente.

Die Beziehung zwischen Museum und Gastronomie hat sich vielerorts geradezu umgekehrt. Fern sind die Zeiten gerückt, da der Museumsbesuch eine Sache von Disziplin und Askese war. Als die Neue Nationalgalerie 1968 im damaligen, von der Teilung der Stadt arg gebeutelten West-Berlin eröffnete, besaß sie kein Café. Unser erster Besuch im neuen Haus, im kalten Winter 1969/70, ist als spartanische Angelegenheit in Erinnerung. Kaum Besucher, und in der Ecke des unteren Foyers zweigt ein Raum ab, in dem – Automaten stehen. Solche, wie sie damals auf Bahnhöfen oder in der Innenstadt zu finden waren, mit kleinen Fächern, deren verglaste Türchen sich nach Einwurf des entsprechenden Münzbetrages öffnen ließen. Keine Erinnerung ruft den Geschmack der cellophanverpackten Brötchen zurück; dafür fehlte uns damals schlicht das Kleingeld. Die Heißgetränke kamen aus dem Kaffeautomaten.

Auch die Dahlemer Museen waren damals, zu Beginn der siebziger Jahre, ganz neu. Die Gestaltung der Völkerkunde war spektakulär, Mexiko und Mittelamerika mit Spotlights auf die frei stehenden, unergründlichen Steinskulpturen. Essen war Fehlanzeige, es soll wohl nach 1971 ein Café oder besser eine Kantine im Souterrain des Eingangsgebäudes an der Lansstraße mit Blick auf das nachgeformte Tor eines altindischen Stupas im Garten gegeben haben. Wozu hingehen, damals; es gab ja die FU-Mensa in der Nähe.

An derselben Stelle befindet sich jetzt ein sehr nettes, sehr bemühtes, den Selbsthilfe-Cafés wenn schon nicht abgeschautes, so doch verwandtes Ethno-Restaurant. Das Essen ist köstlich, die Preise sind moderat, und doch will sich nicht eben die Atmosphäre eines Welt-Museums einstellen. Vielmehr flüstert alles dem Besucher zu, dass wir uns hier weit ab von der City befinden, unter Eingeweihten und Enthusiasten der Ethnologie: sympathisch selbstgestrickt, nicht professionell perfekt.

Von Letzterem wusste das alte West-Berlin ohnehin nichts. Jahrelang traf sich die Halbstadt in der Kneipe des Berlin Museums, jenem barocken Bauwerk, das heute den Eingangsbereich des Jüdischen Museums beherbergt. Da wurde original Berliner Küche serviert, von Solei bis Bulette, von Molle bis Korn, ausgegeben hinter einer riesigen Eichentheke. Unvergessen die Einladungen Berliner Politiker zu geselligem Beisammensein. Nicht zuletzt die CDU, die in den achtziger Jahren die kulturelle Hegemonie erobert hatte, ließ sich hier hochleben. Ihr Geist ist mit dem Abriss der Kneipe, sinnbildlich mit der Auskehr des alten West-Berlin aus den Räumen entschwunden.

An der Stelle des Berlin Museums breitet sich das wesentlich größere Jüdische Museum aus, und es hat anstelle der Kneipe das „Restaurant & Café Liebermanns“. Das „Liebermanns“ lehrt einiges über die Bedingungen heutiger Museumsgastronomie. Ihr Angebot muss zum Sammlungsgegenstand des Museums passen, je spezieller dieser ist, desto genauer; andererseits darf sie keinen Besucher abschrecken oder verschüchtern. Ein hoch international ausgerichtetes Haus wie das Jüdische Museum Berlin muss international verständlich sein. „Strictly kosher“ oder auch „innovative kosher“, wie beim New Yorker Pendant, The Jewish Museum, ginge hier nicht. Immerhin ist das dortige „Café Weissman“ eine Schöpfung von Architekt Kevin Roche, der mit Hochhäusern seinen Ruhm begründete.

Wenn das Jüdische Museum Berlin as close to the U.S. as one can get ist, was das ganze Auftreten, die in stahlharte Freundlichkeit verpackte Professionalität, besonders auch die Finanzierung angeht, dann muss jetzt der Blick auf amerikanische Museen folgen. Hinsichtlich Museumscafés hatten wir unser prägendes Erlebnis Ende der siebziger Jahre im neu eröffneten East Wing der Nationalgalerie zu Washington. Der im Ganzen Maßstäbe setzende Bau von I.M.Pei ist unterirdisch mit dem Altbau verbunden, der, wenngleich erst 1941 eröffnet, dem Klassizismus des späten 19. Jahrhunderts folgt. In diesem Durchgang befindet sich eine riesige Cafeteria. Massenabfertigung ist an der majestätischen Mall unvermeidlich, außerdem schienen uns die Auswahl groß und das Essen vorzüglich. Der Altbau der National Gallery of Art besaß Vergleichbares nicht, und 1941 ging der Normalbürger nicht zum Kaffeetrinken in ein Museum. Er schritt, wenn überhaupt, hinein, um sich erheben zu lassen.

Was die physische Versorgung anbetrifft, war das vielgerühmte Museum of Modern Art in New York früher allerdings auch kein Leuchtturm, was allerdings bei der Lage des Hauses im besten Midtown keine große Rolle spielte. Die begrenzten Öffnungszeiten und die unfreundliche Abräumerei der Selbstbedienungstabletts bedeuteten einen schroffen Gegensatz zum serviceorientierten New York. Aber herrlich war’s, dort an einem trüben Novembernachmittag zu sitzen, noch dazu bei Regen, und in den intimen Skulpturengarten zu schauen, der vor wenigen Jahrzehnten nicht derart überlaufen war wie heute. Seit dem Totalumbau des MoMA 2004 gibt es, strategisch wesentlich besser platziert, das elegante Restaurant mit einer vom Berliner Weltstarkünstler Thomas Demand gestalteten Rückwand.

Fast alle amerikanischen Museen befinden sich in privater Trägerschaft. Das erklärt, dass die Notwendigkeit zur Erzielung von Eigeneinnahmen mit der Erhebung von Eintrittsgeldern nicht befriedigt ist. Zwei weitere Angriffspunkte bietet der Besucher: den Einkauf im Shop und den Verzehr in der Gastronomie. Beide Möglichkeiten der Erzielung von Einnahmen sind in den Vereinigten Staaten hoch entwickelt. Das Getty Museum in Los Angeles gibt jährlich im Schnitt 25 Millionen Dollar Eigeneinnahmen an – zum Großteil wohl aus Shops und Gastronomie, die in dieser weltabgelegenen City upon the Hill naturgemäß bei der Mehrzahl der Besucher anfallen. Ein gesättigter Besucher, der mit der großformatigen Einkaufstüte – schon immer aus Papier! – von dannen fährt und in seiner Nachbarschaft vom Museumsbesuch schwärmt: Das ist das Idealbild, das sich, sagen wir, auf den Stufen des New Yorker Metropolitan Museum täglich tausendfach beobachten lässt.

Umbau, Neubau, Wandel: Dem Gesetz des Marktes unterliegt auch die Museumsgastronomie. Bisweilen wird ein Museum selbst museal – auch wenn es, wie das Whitney Museum of American Art, erst 1966 nach Entwurf des einstigen Bauhaus-Meisters Marcel Breuer entstand. Die Cafeteria befindet sich im Souterrain, erhält jedoch Tageslicht von der Madison Avenue. Die Cafeteria besaß den Charme eines angegrauten Uni-Foyers. Besaß: denn im Laufe noch dieses Jahres kommt ein Restaurant dorthin. Unvergessen bleibt das Kellercafé mit Auftritt von Beatpoet Allan Ginsberg, der hier Ende 1995 anlässlich einer Ausstellung über die Beat Generation in Amerika sein Gedicht „Howl“ vortrug, begleitet von Ray Manzarek, dem Ex-Keyboarder der „Doors“. Gewiss, da passten Café und Event zeithistorisch nicht ganz zusammen, aber doch bezeichneten beide eine Vergangenheit, die etlichen der damals Anwesenden geradezu ins Gesicht geschrieben stand.

So entsteht Geschichte. Auf ihr Gegenteil, auf Zeitlosigkeit ist das vielleicht bestbesuchte New Yorker Museumscafé ausgelegt, das „Café Sabarsky“ in der Neuen Galerie. Dieses Privatmuseum des Sammler-Moguls Ronald S. Lauder, untergebracht in einer hochherrschaftlichen Residenz der Fifth Avenue, ist der deutschen und insbesondere österreichischen Kunst der Klassischen Moderne gewidmet. Es erlangte hierzulande breite Bekanntheit durch Lauders Erwerb von Ernst Ludwig Kirchners Berliner „Straßenszene“ von 1913, vormals Brücke-Museum, für 38 Millionen Dollar. Nach dem verstorbenen österreichischen Emigranten und Galeristen Serge Sabarsky ist das „Café Sabarsky“ benannt, in dem es, dem Ondit oder einer zielgerichteten Propaganda zufolge, den besten Apfelstrudel New Yorks gibt. Wie dem auch sei, das Café ist dauervoll, es empfiehlt sich dringend zu reservieren. Die Möblierung folgt natürlich Entwürfen von Josef Hoffmann und Adolf Loos – der übrigens 1899 in Wien ein skandalös puristisches Kaffehaus namens „Café Museum“ entwarf –, und der Erfolg ist so groß, dass im Souterrain ein Zweitling namens „Café Fledermaus“ eingerichtet wurde. So kommt die Institution des Museumscafés ausgerechnet in New York in Gestalt eines Wiener Kaffeehauses zu ihrer ultimativen Blüte.

Eines der edelsten Museumscafés überhaupt befindet sich allerdings in Paris: das „Café Richelieu“ im Louvre, gestaltet vom Edel-Architekten Jean-Michel Wilmotte. Das „Richelieu“, sehr cool gestaltet im Kontrast zu den hochherrschaftlichen Räumen, kann für einen privaten Abendcocktail gemietet werden, zu 8 500 Euro – ohne Cocktail, versteht sich.

Unbezahlbar hingegen ist der Blick vom 7. Stockwerk der Tate Modern auf das Panorama von London – und das genau in der Achse der Kathedrale St.Paul’s. Man kann auf Barhockern an der Fensterwand sitzen. Der Andrang ist jedenfalls nicht geringer als vor den Ausstellungsräumen in den Stockwerken darunter.

Es gibt so’ne und solche, wie der Berliner sagt. Der Gegenpol zum Pariser „Marly“ wäre das Café im Münchner Lenbachhaus, berühmt für den selbstgebackenen Kuchen aus Mutters Rührteig, aber ach, auch das Lenbachhaus wird mittlerweile umgebaut, vergrößert, auf Trab gebracht. Verziehen wir uns also, wenn in München, in die Alte Pinakothek ins „Café Klenze“, mit schweren Sofas in den Nischen und Grünpflanzen wie auf einem Gemälde von Salonheros Piloty. Die Torten sind entsprechend schwer.

München kann übrigens ein geradezu archetypisches Beispiel dafür vorweisen, warum die geldbringende Gastronomie in deutschen Museen ein Fremdkörper bleibt. Als der Architekt Stephan Braunfels die Pinakothek der Moderne plante, war für das Café nur ein kleiner Bereich vorgesehen. Dann warf Szene-Barkeeper Charles Schumann ein Auge auf das entstehende Gebäude – und wollte im Südfoyer gleich eine 20-Meter-Bar mit Spätabendbetrieb einrichten. Das gelang nicht, Schumann hin oder her. So werden seit der Eröffnung Tische und Stühle ins betongraue Foyer gestellt, nicht eigentlich genehmigt; eine Expansion à la Bavaroise.

Das ist genau die Crux deutscher Museen in öffentlichem Betrieb: Sie sind nicht wirklich auf die Erzielung von Einnahmen ausgelegt. Und die Gastronomie wird gerne an einen Pächter abgegeben. Eigeneinnahmen als zusätzliche Mittel ausgeben zu dürfen, ist den meisten Häusern verwehrt: Wer etwas verdient, vermindert den Zuschuss aus dem öffentlichen Haushalt, aber erweitert nicht seinen Spielraum, der bei den meisten Museen jämmerlich eng geworden ist. Anders in den angelsächsischen Ländern, deren Kulturinstitutionen zwar not-for-profit sind, aber gleichwohl ergebnisorientiert.

Apropos Amerika. Ein wesentlicher Antrieb ist das Freiwilligenwesen, bei uns spricht man von „Bürgerengagement“. Zahllose Provinzmuseen in den Staaten leben davon. Hierzulande ein Beispiel ist das Museum Kurhaus im niederrheinischen Kleve, das mit dem „Café Moritz“ lockt, benannt nach Moritz von Kleve. Man hätte es auch „Beuys“ taufen können, der Josef ging schließlich in Kleve zur Schule. Im Café-plus-Dachgarten bieten die Frauen des Freundeskreises Selbstgebackenes – in einem jener 6500 Museen, die die „Museumslandschaft Deutschland“ so reich und rege machen.

In Berlin würde man Selbstgebackenes vielleicht nicht so goutieren. Doch die professionelle Variante funktioniert eben auch nur mal so, mal so. Sie funktioniert hervorragend im Neuen Museum, dieser grandios hergerichteten Kriegsruine, wo in den ehemaligen Direktoriumsräumen ein handtuchschmales Café Platz gefunden hat, mit ganz wenigen Tischchen, aber ungemein anregend. Die Bedienung haben wir bisweilen etwas wacklig erlebt, aber was macht das schon an diesem Ort.

Es ist der Genius Loci. Man muss nur einmal unter der Kuppel im Kunsthistorischen Museum Wien gesessen haben, im Café nahe am verschwenderischen Dekor der Habsburger-Herrlichkeit, um das zu spüren. Thomas Bernhards „Alte Meister“ hängen um die Ecke. Man muss nicht, wie Bernhards Protagonist Reger, 30 Jahre vor einem Tintoretto sitzen, um zu philosophieren. Im Café sitzt es sich angenehmer, Kopf und Bauch werden eins.

Anders am Kulturforum. Hier war einmal für (damalige) 18 Millionen Mark ein richtiger Restaurant-Flügel geplant, auf den Betonhöckern der unsäglichen Piazzetta. Doch dieses Geld mochte der Bundestag eben nicht bewilligen. So gibt es dort eine provisorische Cafeteria, aber nichts, das dem Rang der Museen an diesem Ort entsprechen würde. Und an der benachbarten Neuen Nationalgalerie, wenn sie denn einmal so überlaufen ist wie zur Sieben-Monats-Schau „Das MoMA in Berlin“, wird ein Espresso-Container auf die Terrasse gestellt. Das ist provisorisch, unentschlossen, gern sagt man flexibel – eben berlinisch.

Doch die Zeit der Provisorien bei Museumscafés ist mehr oder weniger passé. Das geht einfach nicht mehr. Museen sind Entdeckungsreisen in nähere und fernere Kontinente des Wissens, warum nicht auch ihre Cafés oder Restaurants. Obwohl dem erschöpften Besucher in den allermeisten Fällen einfach nur ein Sandwich genügt und ein Getränk. Zur Not auch aus dem Automaten.

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