Politik : Kalenderblatt: Beginn lückenloser Überwachung

Ingo Bach

Heute vor 59 Jahren, am 19. September 1941, zogen die Nationalsozialisten die Schraube der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland weiter an. Ab sofort mussten alle Juden einen an der Kleidung aufgenähten sechszackigen gelben Stern mit der Aufschrift "Jude" tragen. Im hämischen Kommentar einer Würzburger Zeitung hieß es: "Am Judenstern sind sie jetzt zu erkennen. Es ist aus mit der Tarnung unter heuchlerischer Biedermannsmaske."

Am 20. August hatte Hitler der Einführung des Judensterns zugestimmt. Reichspropagandaminister Goebbels bekam den Auftrag, die Kennzeichnung zu entwerfen. Der gelbe Stern bestand aus zwei schwarz umrandeten Dreiecken und trug in schwarzer Schrift, die absichtsvoll hebräische Buchstaben parodierte, das Wort "Jude". Die deutschen Behörden knüpften damit bewusst an die mittelalterliche Kennzeichnungszwang für Juden an und wählten dafür das nationale und religiöse Symbol des Judentums, den Davidstern.

Mit deutscher Gründlichkeit

Wie alle anderen Torturen zur Diskriminierung und Demütigung der jüdischen Bürger - so zum Beispiel schon seit 1938 ein großes "J" in den Pässen von Juden, verbunden mit dem erzwungenen zweiten Vornamen "Israel" oder "Sara" - wurde auch diese Maßnahme von deutschen Beamten mit bürokratischer Gründlichkeit bearbeitet. Der Stern musste auf der linken Brustseite der Kleidung befestigt werden, wobei der überstehende Stoffrand umzuschlagen war. Die Opfer wurden von den Nazis gezwungen, eine "Empfangsbestätigung" zu unterschreiben, die gleichzeitig die Verpflichtung enthielt, "das Kennzeichen sorgfältig und pfleglich zu behandeln."

Diese Verpflichtungserklärung war an Zynismus kaum zu übertreffen. Erst diese Stigmatisierung erlaubte es den NS-Behörden, die jüdische Bevölkerung lückenlos zu überwachen und die gleichzeitig verfügten Einschränkungen der Wohn- und Bewegungsfreiheit durchzusetzen. Der Judenstern als organisatorische Vorbereitung der "Endlösung" war somit der Beginn der planmäßigen Deportation, die für geschätzte sechs Millionen Juden aus ganz Europa den Tod brachte.

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