Politik : Kalter Krieg auf Schweizer Grund

Die USA verlangen die Auslieferung des russischen Ex-Atomministers

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Morddrohungen, Dollar-Millionen, Atomgeheimnisse und ein Nervenkrieg Moskau-Washington: Die Schweiz bietet derzeit den Schauplatz für eine krimireife Vorführung der Extraklasse. Als Hauptdarsteller agiert der ehemalige russische Atomminister Jewgenij Adamow.

Der Ex-Ressortchef, der zwischen 1998 und 2001 Russlands Regierung angehört hatte, reiste unlängst unbekümmert in die Eidgenossenschaft ein. Er wollte seiner Tochter beistehen; gegen sie wird wegen Geldwäscherei ermittelt. Als Adamow am 2. Mai in Bern einen Untersuchungsrichter von der Unschuld seines Kindes zu überzeugen versuchte, wurde er festgenommen. Gegen den Russen lag ein Haftbefehl von Interpol vor.

Jetzt verlangen die USA Adamows Überstellung. „Wir bereiten ein formales Auslieferungsgesuch an die Schweizer Behörden vor“, bestätigte Daniel Wendell, Sprecher der US-Botschaft in Bern, gegenüber dieser Zeitung. „Ein Bundesgericht in Pittsburgh hat schwere Vorwürfe gegen Adamow erhoben.“ Die vermeintlichen Delikte: Betrug, Geldwäscherei, Hehlerei, Verschwörung und Steuerbetrug. Der Ex-Minister soll rund neun Millionen US-Dollar an amerikanischen Hilfsgeldern umgeleitet haben.

Offiziell gab es die US-Finanzspritze für Moskau, um die maroden russischen Nuklearreaktoren sicherer zu machen. Falls der 66-Jährige in den USA schuldig gesprochen wird, droht ihm eine Haftstrafe von 60 Jahren. Das mögliche Urteil für einen mutmaßlichen Adamow-Komplizen: 180 Jahre hinter Gittern.

Adamow weist die Vorwürfe aus den USA als „absolut haltlos“ zurück. Auch die russische Generalstaatsanwaltschaft hat noch eine Rechnung mit dem Ex-Minister offen. In seiner Heimat wird gegen ihn wegen Betrugs im Amt ermittelt. Die Russen verlangen ebenfalls seine Auslieferung. „Wir glauben, dass eine Kriminaluntersuchung gegen Adamow in Russland und nach russischen Gesetz durchgeführt werden sollte“, heißt es in einer Mitteilung des russischen Außenministeriums. Schon machen Moskaus Diplomaten in Bern Druck. Denn in den USA könnte Adamow zu viel ausplaudern. Immerhin leitete der Ex-Minister auch das russische Nikiet-Institut. Dort feilen Wissenschaftler an Plänen für Nuklearwaffen und Kernreaktoren.

Um einen Atom-Verrat durch den Ex-Minister zu vereiteln, bringen Abgeordnete der russischen liberaldemokratischen Partei eine Extrem-Variante ins Spiel: Notfalls gehöre Adamow „eliminiert“. Westliche Nuklear-Experten hingegen glauben nur an einen simplen Fall von Korruption. „Washington hat es nicht nötig, Informationen über irgendwelche Testgebiete oder über irgendwelche Waffen von Adamow zu beziehen“, wird der Ex-Vizechef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Bruno Pellaud, in Schweizer Medien zitiert.

Wird Adamow in Russland in Empfang genommen oder wird er in den USA auf die Anklagebank gesetzt? Die eidgenössischen Behörden müssen prüfen, welches Auslieferungsgesuch Vorrang hat. Das Verfahren sei „von höchster politischer Bedeutung“, lässt ein Abgeordneter der mitregierenden Schweizer Sozialdemokraten wissen. Dennoch werde die Politik die „notwendige Zurückhaltung“ üben. Die neutrale Schweiz steht in dieser Angelegenheit vor einer heiklen Wahl. Entweder muss man die Amerikaner brüskieren. Oder man muss die Russen vor den Kopf stoßen.

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