Politik : Kalter Krieg in Südkorea

Ein deutsch-koreanischer Professor sitzt in Seoul in Haft. Er will nur für die Wiedervereinigung gekämpft haben

Nicola Stettner

So hatte sich Song Du-yul seine Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt: Schon am ersten Tag seiner Südkoreareise wird der deutsch-koreanische Professor ohne Rechtsbeistand 15 Stunden vom südkoreanischen Geheimdienst verhört und später verhaftet. Nun sitzt Song Du-yul seit fast drei Monaten in einem Gefängnis in der Hauptstadt Seoul. Der Sohn Dschung Song ist am Samstag von Ludwigsburg nach Seoul geflogen, um seine Mutter im Kampf um die Freilassung seines Vaters zu unterstützen. „Hier gibt es viel zu tun! Wir halten den Kontakt zur deutschen Botschaft. Die deutschen und südkoreanischen Komitees, die sich für eine Freilassung meines Vaters einsetzen, müssen koordiniert werden. Täglich geben wir Interviews“, sagt der 29-Jährige.

Die Anklage von Seiten der Staatsanwaltschaft wirft Song Spionage für die kommunistische Regierung in Nordkorea vor. Theoretisch steht darauf die Todesstrafe. Unter dem Pseudonym Kim Chol-su soll der Wissenschaftler dem nordkoreanischen Politbüro angehört haben. Darüber hinaus soll Song Geld von dem Regime aus Pjöngjang angenommen haben. Der Richterspruch wird Mitte Februar erwartet.

Hunderte von Anhängern und Freunden erwarteten am Flughafen freudig den Heimkehrer und seine Familie. Schließlich war er seit 37 Jahren wegen eines Einreiseverbots nicht in Südkorea gewesen. Was bewog den angesehenen Professor, diese Reise nun anzutreten? Sein Sohn Dschun Song sagte dem Tagesspiegel: „Im Vorfeld ist aus Regierungskreisen signalisiert worden, dass mein Vater keine Strafe zu befürchten hätte.“ Der Vater habe zwar mit einer Befragung durch den südkoreanischen Geheimdienst gerechnet, war aber sicher, die Anschuldigungen aufklären zu können. Schon vor zwei Jahren konnte ein Gericht in Südkorea nicht belegen, dass Song Du-yul nordkoreanisches Politbüromitglied war.

Im deutschen Exil promovierte Song 1972 bei dem Philosophen Jürgen Habermas. Der setzt sich neben vielen anderen Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, wie Günter Grass, in offenen Briefen an den Vorsitzenden Richter für eine Freilassung Songs ein. In Deutschland machte sich Song einen Namen, vor allem weil er sich für mehr Demokratie und die Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten engagierte. Der Professor versteht sich in dem Konflikt der beiden Staaten als Vermittler und Grenzgänger. Er besuchte Nordkorea mehrmals. Im Widerspruch zu der Vermittlerrolle stehen Aussagen, die Song in einer Pressekonferenz im Oktober in Seoul machte: Er gab zu, seit 1973 der nordkoreanischen Arbeiterpartei anzugehören. Das sei damals die Bedingung für die Einreise gewesen. Er gab auch zu, dass er 150 000 US-Dollar von dem Regime in Pjöngjang erhalten habe. Allerdings habe er dieses für seine Nordkoreareisen und ein Forschungsinstitut in Frankfurt (Main) eingesetzt, so sein Sohn Dschun Song.

Song selbst sieht sich als Opfer innenpolitischer Kämpfe. Die konservative Opposition versuche den Präsidenten zu schwächen, damit dieser seine Entspannungspolitik gegenüber Nordkorea aufgebe, sagtDschung Song. Lutz Drescher, Ostasienreferent einer kirchlichen Einrichtung, pflichtet ihm bei: „An diesem Ereignis formieren sich die konservativen Kräfte, um eine gute Ausgangslage für die Wahlen zu schaffen.“ Diese finden im April statt. Durch den Fall Song rückt aber auch das Nationale Sicherheitsgesetz wieder in den Mittelpunkt der Diskussion. Dieses stammt aus den Zeiten des Kalten Krieges und ahndet den ,ungenehmigten’ Kontakt zu Nordkorea. Auch wenn mittlerweile viele Südkoreaner nach Nordkorea reisen, halten in der aufgeheizten politischen Vorwahlkampfzeit die Protagonisten stärker denn je an diesem Gesetz fest. Amnesty International fordert die Abschaffung dieses Gesetzes. Amnesty-Mitarbeiter Hans Buchner sieht hierin „ein großes Hindernis für die Demokratie in Südkorea“.

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