Kalter Krieg : Tod am Sperrzaun

Mindestens 32 Deutsche starben einst an der tschechoslowakischen Westgrenze – diese Fälle liegen jetzt dokumentiert vor.

Matthias Schlegel

BerlinHarthmut T. ist 18 Jahre alt, als er an einem Augusttag des Jahres 1986 versucht, in der Nähe von Bratislava über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich zu gelangen. Zwischen den Grenzsteinen 12/11 und 12/12 wird der Jugendliche aus der DDR von einem Rudel Diensthunde der 11. Grenzwachenkompanie angefallen und so schwer verletzt, dass er am nächsten Tag stirbt.

Harthmut T. war einer von 282 Menschen, die zwischen 1948 und 1989 an der Grenze der Tschechoslowakei zu Deutschland und Österreich ihr Leben ließen – erschossen, im Elektrozaun getötet, ertrunken beim Versuch, die Donau zu durchschwimmen, in Fahrzeugen gegen Schlagbäume gerast, in Flugobjekten abgeschossen, aus Angst vor den Grenzwachen in den Selbstmord getrieben. Und es sind dies nur die dokumentierten, nachweislichen Todesfälle an dieser Frontlinie des Kalten Krieges. Mehr als 50 weitere Personen wurden in jenen vier Jahrzehnten tot aus den Grenzflüssen geborgen, die heute keinem Aktenvorgang mehr zuzuordnen sind.

Weil sich die Aufmerksamkeit hierzulande in erster Linie auf die innerdeutsche Grenze richtet, bleiben die Schicksale derjenigen, die an den Westgrenzen anderer Staaten des Warschauer Paktes bei Fluchtversuchen ihr Leben ließen, bislang weitgehend unbeachtet. In dem Buch „Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989“, das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin und dem Institut zur Erforschung totalitärer Systeme in Prag gemeinsam herausgegeben wird und das dieser Tage im Leipziger Universitätsverlag erscheint, widmet sich einer der 16 Beiträge dem Grenzregime des Nachbarlandes.

32 der Grenztoten waren Deutsche. Der Autor Martin Pulec listet sie im Anhang seines Beitrages auf, nennt persönliche Daten, schildert Ort und Umstände ihres Todes. 14 der dokumentierten Todesfälle betreffen DDR-Bürger, die bei Fluchtversuchen ihr Leben ließen. Elf Todesfälle datieren aus der Zeit, als Nachkriegsdeutschland noch in Alliiertensektoren aufgegliedert war. Sieben Tote sind Westdeutsche, die bei illegalen Grenzübertritten oder versehentlichen Grenzverletzungen starben.

Der Ausbau des tschechoslowakischen Grenzregimes nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 hatte die Abwehr von Agenten feindlicher Geheimdienste und die Verhinderung der zunehmenden Fluchtbewegung zum Ziel. Jeweils rund 20 000 Mann sicherten über die Jahrzehnte hinweg die Westgrenze. Tief ins Landesinnere erstreckte sich zunächst das gestaffelte Grenzsystem: Zehn bis fünfzehn Kilometer breit war die Grenzzone, deren Betreten nur mit Genehmigung möglich war. Rund 2500 als politisch unzuverlässig eingestufte Personen wurden aus diesem Gebiet umgesiedelt. Der unmittelbare Grenzbereich, die Sperrzone, war zwei Kilometer breit und vollkommen entvölkert. Bis zu acht Kilometer landeinwärts wurden alle Hinweisschilder demontiert. 1964 wurde die Sperrzone aufgehoben, die Grenzzone auf einen ein bis drei Kilometer breiten, unbewohnten Streifen reduziert.

Anfang der 50er Jahre wurde ein Sperrzaun in einfacher oder dreifacher Ausführung gebaut. Von 1952 an wurde an den mittleren Zaun eine Hochspannung von bis zu 6000 Volt angelegt. Er stand nicht immer unter Strom, sondern vor allem nachts, bei schlechter Sicht oder zu anderen Zeiten, in denen am häufigsten Fluchtversuche registriert wurden. Mitte der 60er Jahre wurde der Strom abgeschaltet. Zwischen 1952 und 1957 wurde der Zaun an besonders gefährdeten Abschnitten vermint. Nachdem einige Grenzer ums Leben gekommen waren, wurden die Minen später wieder entfernt.

Ein besonders perfides Vorgehen der Staatssicherheit an der Grenze schildert in einem anderen Beitrag des Buches der Autor Prokop Tomek. So errichtete der tschechoslowakische Geheimdienst unter dem Decknamen „Kameny“ (Steine) in einigem Abstand zur tatsächlichen Westgrenze eine fingierte Demarkationslinie mit falschen Grenzsteinen. Stasi- Mitarbeiter boten sich in diesem Gebiet Fluchtwilligen als vermeintliche Schleuser an. Die Flüchtlinge wurden dann von einer Grenzpatrouille verhaftet, wobei der „Schlepper“ fliehen konnte. Oder man trieb das Spiel sogar noch weiter und der „Schlepper“ übergab die Flüchtenden einer vermeintlichen Streife der deutschen Grenzpolizei, die den Getäuschten in ein fingiertes Büro des Nachrichtendienstes der US-Armee brachte. Dort wurden sie animiert, über ihre etwaige staatsfeindliche Tätigkeit und ihre Kontakte zu Mitwissern und Widerständlern zu berichten. Ihnen wurde der Weg zum nächsten Flüchtlingslager gewiesen, auf dem sie sich zwangsläufig „verliefen“ und wieder in die Fänge der tschechoslowakischen Grenzer gerieten.

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