Kamerun : "Mehr als 100 Tote"

Immer wieder kam es in jüngster Vergangenheit zu Ausschreitungen im afrikanischen Land. Jean Nke Ndih, Grünenchef in Kamerun, vermutet Verschleierung und warnt vor weiteren Unruhen.

In Kamerun ist es in den vergangenen Wochen zu Ausschreitungen gekommen. Wie viele Opfer gab es genau?

Ich habe gerade erfahren, dass wohl weit mehr Menschen gestorben sind, als zunächst angenommen. Aus Polizeikreisen und von gut informierten Journalisten wurde mir von mehr als 100 Toten berichtet. Viele Leichen seien jedoch konfisziert worden, um das wahre Ausmaß der Unruhen zu verschleiern.

Wie sieht es derzeit in dem Land aus?

Im Moment herrscht eine gespannte Ruhe. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist jedoch weiter groß. Ich rechne daher damit, dass es in absehbarer Zeit zu weiteren Unruhen kommen wird.

Was hat die Gewalt ausgelöst?

In den vergangenen Monaten sind die Preise für viele Grundnahrungsmittel stark gestiegen, weil die Regierung die Einfuhrzölle und staatliche Lebensmittelproduzenten ihre Preise angehoben haben. Auch die Benzinpreise sind in kurzer Zeit viermal erhöht worden. Gleichzeitig sickerte durch, dass Präsident Paul Biya, der seit 25 Jahren regiert, die Verfassung ändern will, um 2011 ein weiteres Mal antreten zu können.

Warum hat sich die Situation beruhigt? Viele Beobachter sahen eine Katastrophe wie in Kenia heraufziehen.

Kamerun und Kenia sind sehr verschieden. Die kamerunische Gesellschaft ist stark fraktioniert. Es gibt viele ethnische Gruppen, verschiedene Religionen, einen englischsprachigen und einen französischsprachigen Landesteil. Alles in allem gibt es fünf bis sechs Gruppen, die sich gegenseitig in Schach halten und keine gemeinsame Front gegen die Regierung zustande bringen. Hinzu kommt, dass in Kamerun niemand hungert, obwohl die Armut enorm ist. Selbst in den großen Städten konnten sich die Menschen bislang einigermaßen durchschlagen – wer kein Geld hat, geht abends auf die Märkte und sammelt nicht verkaufte Lebensmittel ein. Grundsätzlich ist genug zu essen da, denn Kamerun ist sehr fruchtbar. Das alles spielt dem Regime in die Hände.

Welche Rolle spielt Frankreich?

Frankreich hält noch immer seine Hand über das frankophone Afrika. Präsident Sarkozy hat daran nichts geändert. Gerade erst hat er dem Staatschef des Tschad geholfen, einen Aufstand niederzuschlagen. Auch Biya konnte immer auf Paris zählen. Dafür haben nicht zuletzt die französischen Firmen gesorgt, die in Kamerun aktiv sind. Sie haben traditionell enge Beziehungen zum Èlysée.

Kamerun verfügt über Öl- und Holzvorkommen. Warum gibt es dennoch Armut?

Weil die Einkünfte in die Taschen der Elite wandern und nicht investiert werden. In den Städten gibt es heute Viertel mit sagenhaften Luxusvillen und Quartiere, in denen totales Elend vorherrscht. Die Menschen leben im selben Land und doch in einer anderen Welt. Viele Schulen etwa existieren nur auf dem Papier. Die Eltern sollen sie selber bauen, es gibt keine Ausstattung und kein Personal, obwohl genügend junge Lehrer auf der Straße sitzen. Wo Schulen entstehen, werden sie privat finanziert. Ähnlich schlimm steht es um das Gesundheitssystem. Obwohl die Bevölkerung wächst, gibt es keine neuen Krankenhäuser. Vielmehr eröffnen Krankenschwestern kleine private Krankenstationen, in denen sie jedoch allenfalls Erste Hilfe leisten können. In den vergangenen 25 Jahren hat keine Entwicklung stattgefunden.

Gibt es gar keine Fortschritte?

Im Gegenteil. Das Land wird hemmungslos ausgebeutet. Die Abholzung des Regenwaldes wird vorangetrieben, obwohl die Auswirkungen des Klimawandels in Kamerun bereits spürbar sind. Die Pygmäen, die im Wald leben, klagen, dass Bäume keine Früchte mehr tragen oder diese zu unüblichen Zeiten reifen. Sie sagen: Die Bäume sind verrückt geworden!

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

Jean Nke Ndih (46) ist Vorsitzender der Grünen Partei Kameruns und Geschäftsführer der Vereinigung ökologischer Parteien Afrikas, die inzwischen in 15 Ländern vertreten sind.

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