Politik : Kampf dem Kinderhandel: Ein Markt, auf dem viel verdient wird - illegal

Carsten Germis

Karina ist jetzt bald zwei Monate alt. Ein süßes Kind, gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten geimpft, gesund mit normalem Gewicht. Ein Kind wie viele andere, könnte man meinen. Aber Karina ist anders. Das Mädchen kann übers Internet bestellt werden. Auf Wunsch wird das Kind sogar in die neue Heimat "geliefert", wo Adoptiv-Eltern darauf warten, sichern die Anbieter zu. Natürlich kostet das. Preise bis zu 50 000 Mark werden für ein Kind gezahlt, ein lukratives Geschäft für die dubiosen Vermittlungsagenturen, die adoptionswilligen Eltern in den wohlhabenden Industriestaaten die Kinder sozusagen aus dem Katalog anbieten.

Und der Markt für solche Kinder ist da. Dies hat mehrere Gründe: In den Industriestaaten des Westens bleiben immer mehr Paare ungewollt kinderlos. Gleichzeitig sinkt in diesen Ländern, wie in der Bundesrepublik, die Zahl der Kinder, die zur Adoption freigegeben werden. Allein in Deutschland bewarben sich im vergangenen Jahr 20 000 Paare um ein Adoptivkind. Gleichzeitig gab es aber nur etwa 1100 Kinder, für die die Behörden Adoptiveltern suchten.

Es hat sich wegen der ungebrochenen Nachfrage also ein regelrechter Markt für Adoptivkinder entwickelt, stellte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen daher zu Beginn dieser Woche fest. Nach Recherchen von Unicef ist in Osteuropa und in einigen Entwicklungsländern ein "regelrechtes Adoptions-Business" entstanden. "Vielfach betreiben private Vermittler einen regelrechten Handel mit Kindern, der die Dimension organisierter Kriminalität erreicht", stellte das Kinderhilfswerk in einem Bericht fest. So habe sich in zahlreichen Ländern Osteuropas, in Lateinamerika, aber auch in der Türkei und in Griechenland ein illegaler Markt etabliert. Oft suchen die Kinderhändler gezielt nach schwangeren Teenagern, die sie überreden, ihr Baby gleich nach der Geburt abzugeben. Besonders unverheiratete Mädchen oder Frauen aus armen Bevölkerungsschichten werden nach Angaben von Unicef dabei oft massiv unter Druck gesetzt und mit Geld oder Geschenken gelockt.

Angebot gibt es aber nur dort, wo es auch Nachfrage gibt. Viele Paare sind bereit, auch rechtlich nicht ausreichend abgesicherte Hilfe von privaten Adoptionsvermittlern anzunehmen, wenn die lange Suche nach einem Kind im eigenen Land nicht zum Erfolg führt. "Die Sehnsucht nach der Erfüllung des Kinderwunsches beziehungsweise falsch verstandene Hilfsbereitschaft lassen die Bedürfnisse und Rechte des Kindes beziehungsweise seiner Eltern in den Hintergrund treten", klagt Unicef.

Obwohl das Kinderhilfswerk Auslandsadoptionen wegen der kulturellen, sozialen und psychologischen Brüche für das Kind sehr skeptisch bewertet, lehnt es sie nicht grundsätzlich ab. Inlandsadoptionen sollten jedoch immer der Vorzug gegeben werden. Dennoch sieht auch die UN-Kinderrechtskonvention vor, dass internationale Adoptionen als Möglichkeit der Betreuung eines Kindes angesehen werden. Und zwar dann, "wenn das Kind nicht in seinem Heimatland in einer Pflege- oder Adoptionsfamilie untergebracht oder wenn es dort nicht in geeigneter Weise betreut werden kann".

Zwischenstaatliche Bestimmungen, wie solche internationale Adoptionen organisiert werden können, legt die Haager Konvention zur Auslandsadoption von 1993 fest. Sie sieht auch die Einrichtung von Adoptionszentralen in den Herkunfts- und den Aufnahmeländern vor. Sie sollen allein berechtigt sein, Adoptivkinder aus dem Ausland zu vermitteln. Bisher ist die Konvention von elf Staaten gezeichnet und von 29 ratifiziert worden. Die Bundesrepublik zeichnete erst 1997, in ein nationales Gesetz ist die Konvention aber bis heute noch nicht umgesetzt. Begründet wird diese Verzögerung mit möglichen Kompetenzstreitigkeiten zwischen der zu schaffenden zentralen Adoptions-Vermittlungsstelle und den Landesjugendämtern - also mit der föderalen Struktur Deutschlands. Doch die Ratifizierung soll bald kommen. Im Herbst jedenfalls, so plant es die Bundesregierung, soll sich das Kabinett mit dem Thema befassen und das Gesetzgebungsverfahren auf den Weg bringen.

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