Politik : Kampf dem Vergessen

Argentinische Mütter prangern Ex-Diktatur an

Michael Schmidt

Berlin - Hebe de Bonafini, das mahnende Gewissen Argentiniens, ist 77 Jahre alt. Doch niemand täusche sich darüber, was diese Frau im permanenten Unruhestand noch vorhat. Längst ist der Ikone des Widerstands gegen das Vergessen ihr Heimatland als Bühne ihres nunmehr fast 30-jährigen Kampfes für das Leben und gegen den Tod zu klein. Dafür sind die Probleme zu groß, nehmen Menschenrechtsfragen zu wenig Rücksicht auf Staatsgrenzen. Das weiße Kopftuch, weltweit bekanntes Symbol ihrer Trauer und ihres Protests, trägt die Präsidentin und Sprecherin der Madres de Plaza de Mayo (Mütter des Mai-Platzes in Buenos Aires) auch an diesem Sonntag, als sie im Berliner Renaissance-Theater über das Tun und Denken der Frauen in ihrer vielfach ausgezeichneten Organisation berichtet.

Im Rahmen der „Berliner Lektionen“, einer 1987 initiierten Reihe der „Zeit“-Stiftung und der Berliner Festspiele, sprach sie über ihr eigenes Schicksal: Bonafini hat drei ihrer sechs Kinder während des Regimes der Militärjunta zwischen 1976 und 1983 verloren. Und sie sprach über das Schicksal ihrer Leidensgenossinnen: Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurden damals insgesamt 30 000 Menschen verschleppt, gefoltert, über dem Meer aus Flugzeugen geworfen und auf andere Weise ermordet, bevor man sie endgültig und unauffindbar verschwinden ließ. Seit dem 30. April 1977 treffen sich Mütter dieser Verschwundenen an jedem Donnerstag auf dem zentralen Platz der argentinischen Hauptstadt zum Schweigemarsch, um eine vollständige Aufklärung der Untaten und die Bestrafung der Mörder einzuklagen. Bis heute. „Wir haben begonnen, den sozialen Kampf unserer Kinder zu verstehen – und setzen ihn heute fort“, sagt Bonafini.

Sie begreife das als Auftrag: Bildung, politische Bildung vor allem. Wer gebildet sei, könne nicht beherrscht werden. Deshalb habe ihre Organisation 1989 eine Zeitung gegründet, 2000 sogar eine eigene Universität, eine Bibliothek, eine Videothek, einen Buchhandel, einen Rundfunksender. Der „einzige Kampf, der verloren geht, ist der Kampf, den man verloren gibt“, das sei ihr Credo. Ja, unter Argentiniens neuem Präsidenten Nestor Kirchner, der Amnestiegesetze annullierte, die eine Strafverfolgung der Täter verhinderten, sei einiges besser geworden. Aber solange es Ungerechtigkeit und Armut gebe, so lange werde sie den Kampf für die Menschenrechte fortsetzen. International. Dabei muss man sie sich als glücklichen Menschen vorstellen: „Wir sind glücklich trotz unseres Schicksals, weil wir aufbauen können, was unsere Kinder wollten: eine bessere Welt ohne Krieg und Armut.“

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