Kampf gegen den IS : Für die Türkei gibt es nur schlechte Optionen

Der Kampf gegen die IS-Dschihadisten stellt für die Türkei ein Dilemma dar: Ein militärisches Eingreifen könnte Racheaktionen der Islamisten heraufbeschwören, eine halbherzige Reaktion würde den Verdacht der Kooperation mit dem IS erhärten. Ein Kommentar.

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Hunderttausende Menschen flüchten über die Grenze von Syrien in die Türkei. Foto: dpa
Hunderttausende Menschen flüchten über die Grenze von Syrien in die Türkei.Foto: dpa

Raushalten geht nicht mehr. Über Wochen begründete die türkische Führung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan ihr Nein zu einer aktiven Teilnahme an Militäraktionen gegen die Dschihadisten vom „Islamischen Staat“ (IS) mit der Gefahr für die vom IS verschleppten türkischen Geiseln. Seit Samstag sind die Geiseln wohlbehalten wieder in der Türkei. Nach der Freilassung ihrer Staatsbürger kann die Türkei nicht mehr weiter passiv bleiben, wenn in den Nachbarländern Syrien und Irak eine brutale Terrorgruppe ihr Machtgebiet ausweitet und sich westliche und arabische Verbündete daran machen, gegen diese Organisation vorzugehen. Allerdings hat die Türkei lediglich die Wahl zwischen schlechten Optionen.

Entscheidet sie sich für die volle, also auch militärische Teilnahme an der Offensive gegen den IS, riskiert die Türkei Vergeltungsaktionen der Dschihadisten, die bereits entsprechende Drohungen ausgestoßen haben. Beschließt Ankara, den Verbündeten nur das Mindestmaß an Unterstützung zukommen zu lassen, verstärkt sie den bereits vorhandenen Verdacht, mit dem IS zu kooperieren.

Vor einer Festlegung erwartet Ankara von den USA einen Plan für die Zukunft von Syrien und Irak nach einem militärischen Sieg über den IS. Die Forderung ist an sich richtig: Das Fehlen einer durchdachten politischen Strategie machte den amerikanischen Feldzug zum Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 zu einem Desaster. Allerdings zeigte die Türkei bisher nur wenig Interesse an einer solchen gemeinsamen Strategie, weil sie in Syrien darauf hoffte, von einem Sturz von Baschar al Assad zu profitieren.

Die Aussöhnung des türkischen Staats mit den Kurden ist in Gefahr

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine am Sonntag bei einem Empfang für die freigelassenen Geiseln in Ankara. Foto: AFP
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine am Sonntag bei einem Empfang für die freigelassenen Geiseln in...Foto: AFP

Nun strömen erneut hunderttausend Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei; im Autonomiegebiet der syrischen Kurden an der Grenze zur Türkei liefert sich der IS schwere Gefechte mit kurdischen Verbänden. Soll der Westen oder gar die Türkei selbst jetzt den syrischen Kurden helfen, so wie es schon im Sommer bei den Kurden im Nordirak geschah? Schon werfen die türkischen Kurden ihrer Regierung vor, die Kurden in Syrien dem IS ausliefern zu wollen. Dieses Misstrauen könnte am Ende sogar den Erfolg des Friedensprozesses des türkischen Staates mit den eigenen Kurden und damit eine epochale gesellschaftliche Aussöhnung gefährden. Viel Zeit, eine neue Haltung in Sachen IS zu formulieren, hat die Türkei nicht mehr.

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