Kampf gegen den IS und die Kurden : Erdogan greift die Falschen an

Die Türkei muss den IS gemeinsam mit den Kurden bekämpfen. Deren Streben nach Autonomie sollte sie nicht fürchten. Ein Kommentar.

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Recep Tayyip Erdogan
Recep Tayyip ErdoganFoto: AFP

Andere Gründe als irrationale kann es für diese Angriffe nicht geben. Verstand verdampft, wo das geschieht: Türkisches Militär greift im Rahmen der Operation „Schutzschild Euphrat“ kurdische Stellungen in Syrien an, türkische Panzer beschossen am Wochenende auf syrischem Gebiet Einheiten der kurdischen „Volksverteidigung“ (YPG). Das kommt einem Verrat an den Kurden gleich, die in der Region die Garanten für das effektive Bekämpfen des „Islamischen Staates“ (IS) sind. Während die gesamte, zivilisierte Menschheit darauf hofft, dass der mörderische Sektenspuk des IS in Syrien und im Irak 2016 sein Ende findet, verschleudert die Türkei ihre militärischen Ressourcen im Kampf gegen die Feinde ihrer Feinde. Das ist sinnlos. Es ist kontraproduktiv und destruktiv.

Denn zu den wenigen gut organisierten, effektiven Gegnern des IS zählen die kurdischen Milizen. Sämtliche Akteure im syrischen Bürgerkrieg sind derart fragmentiert, dass viele Gruppen rasch die Seiten wechseln und Reporter wie Beobachter kaum hinterherkommen. Niemand, keine Person oder Institution, hat in einem Krieg je den völligen Überblick über das Gesamtgeschehen. In diesem postmodernen Szenario der Zersplitterung und der digitalen Propaganda schon gar nicht.

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IS-Dschihadisten aus syrisch-türkischer Grenzstadt vertrieben
IS-Dschihadisten aus syrisch-türkischer Grenzstadt vertrieben

Bei den Kurden handelt es sich um säkulare Kräfte

Nur eines wird, vergleicht man die Berichte, relativ klar: Bei den kurdischen Gegnern des IS handelt es sich um großenteils säkulare Kräfte, die auch kämpfende Frauen akzeptieren, religiösen Fundamentalismus ablehnen und auf Demokratie hoffen. Auch kurdische Kräfte sollen allerdings schon Kriegsverbrechen verübt haben. Es wäre naiv, das nicht für wahrscheinlich zu halten. Außerdem ist ihre Gruppe durch die über Generationen erfahrene Unterdrückung beseelt von Ethno- Egoismus und der Hoffnung auf territoriale Einheit eines „Kurdistan“ – das es kaum je geben wird.

Verteilt auf die Türkei, den Iran, Syrien und den Irak leben etwa 20 bis 30 Millionen Kurden. In der Türkei machen sie ein Fünftel der gut 78 Millionen zählenden Bevölkerung aus. Im Nordirak besitzen Kurden seit der Verfassung von 2005 relative Autonomie. Und derzeit bekämpfen Kurden aus Syrien, dem Irak und der Türkei das Terror-Territorium des IS. Unlängst, Mitte August, hatte die Allianz der „Syrisch Demokratischen Kräfte“ (SDF), der die YPG und regionale, arabische Kämpfer angehören, die Stadt Manbidsch vom IS befreit.

Kein kleines Kosovo

Jetzt schwächt Präsident Erdogans Militär die Akteure, die das Gelände am besten kennen und den größten Einsatz zeigen. Kurden fungieren für Erdogan als Sündenböcke wie Ukrainer für Putin. Von Ressentiments gestiftete Strategien sind jedoch immer die fatalsten. Gebraucht werden gerade jetzt strategische Allianzen unter Vorausschauenden – sogar Stalin und Roosevelt gelang das, als es um den Sieg über das NS-Regime ging. Derzeit zeigt sich das Szenario des Mittleren Ostens als ein Kaleidoskop blutig vertretener Partikularinteressen. Bei diesem zersplitterten Bild bleibt es – zum Nutzen des IS –, solange die Mosaikteile der Vernunft nicht intelligent zusammengefügt werden. Der dumpfe Impuls des Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert - Minderheitenjagd zwecks Mehrheitsidentität – war nie produktiv. Und sein atavistisches Wiederbeleben in der Gegenwart ist es erst recht nicht.

Die Kurdengebiete sind kein kleines Kosovo. Ein Traumstaat „Kurdistan“ könnte ohne Bürgerkriege, Umsiedlungen und „ethnische Säuberungen“ nicht zustande kommen. Ebenso wenig aber lassen sich die Kurden in den jeweiligen Staaten als Minorität in der Majorität auflösen. Das Ideal der Kurden, so erklärt eine der besten Kennerinnen der Region, die amerikanische Publizistin Aliza Marcus, in ihrem Buch „Blood and Belief“, war lange Zeit Istanbul als Modell einer multikulturellen Metropole. Heute ist es die Autonomieregion im Nordirak.

Solche Autonomie fürchtet die türkische Regierung, fürchtet ihre eben ausgewechselte Generalität. Warum eigentlich? Will der türkische Staat Prosperität und wünscht er sich langfristig die Loyalität auch dieser riesigen Minderheit, gäbe es gerade jetzt einen Weg. Die Wünsche beider Seiten wären eine Basis für beides, für ein effektives Zweckbündnis gegen den „IS“ jetzt, für Verhandlungen und Kompromisse danach. Dafür muss die brutale Obstruktion der Türkei ebenso enden wie der unrealistische Traum eines „Kurdistan“. Gewinnen würden auf lange Sicht Millionen – Türken und Kurden, Iraker und Syrer, die heute noch Kinder und Jugendliche sind.

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