Kampf gegen PKK : Ankara riskiert Stabilität im Nordirak

Die türkische Armee ist mit 10.000 Mann im Irak einmarschiert. Experten krisisieren die Unverhältnismäßigkeit der Offensive. Die Region könnte deutlich instablier werden - eine Befürchtung, die auch die USA teilen.

Atila Altun[Nicole Meßmer],Jan Müller
Irak Soldaten Türkei
Einmarsch der Bodentruppen im Nordirak. -Foto: dpa

AnkaraBereits gestern Abend sollen nach Angaben der türkischen Armee 10.000 türkische Soldaten im Nordirak einmarschiert sein. Mehrfach hatten Rebellen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Vergangenheit tödliche Angriffe auf türkische Truppen entlang der Grenze gestartet. Die Türkei vermutet rund 3000 PKK-Kämpfer in der bergigen Region und fürchtet um die Sicherheitslage im Land.

Für Matthias Dembinski von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung stellt die Bodenoffensive der Türkei eine ganz neue Qualität dar: "Die Übergriffe der militärisch schwachen PKK-Verbände lassen einen Einmarsch der Türkei mit 10.000 Mann in den Nordirak nicht zwingend notwendig erscheinen. Es gibt Alternativen. Etwa eine bessere Sicherung der Grenze und eine bessere nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit den USA. Die Türkei sollten sich nicht auf das Abenteuer einlassen, mittelfristig zu versuchen, Teile des Irak zu okkupieren. Dies wäre ein Spiel mit dem Feuer", so Dembinski zu tagesspiegel.de.

Auch der Politikwissenschaftler Michael Staack von der Universität der Bundeswehr in Hamburg kritisiert die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes und äußert sich skeptisch, ob das Problem der PKK-Übergriffe überhaupt militärisch zu lösen ist: "Die Reaktion der Türkei kann nur negative Konsequenzen haben: Mehr Kurden könnten Sympathien für die PKK entwickeln oder gar selbst terroristische Aktivitäten entwickeln und der Irak könnte deutlich instabiler werden", sagt er im Gespräch mit tagesspiegel.de.

Souveränität des Iraks ist verletzt

Nach Berichten türkischer Medien drangen die Soldaten von der Türkei aus zehn Kilometer weit in irakisches Territorium vor. Der Einsatz soll bereits gestern Abend begonnen haben. Im Oktober gab das türkische Parlament dem Generalstab der türkischen Armee grünes Licht für grenzüberschreitende Einsätze. Seitdem flog die Luftwaffe mehrfach Angriffe auf mutmaßliche PKK-Stellungen im Nachbarland. Im Dezember war bereits eine türkische Spezialeinheit in den Irak eingedrungen, damals kamen allerdings nur etwa 500 Soldaten zum Einsatz.

Nach Angaben des Generalstabs richtet sich die Offensive nur gegen die PKK und nicht gegen die nordirakischen Kurden. Die türkischen Soldaten sollten nach Erfüllung ihres Auftrags "so bald wie möglich" wieder in die Türkei zurückkehren. Doch so einfach ist es wohl nicht. Dembinski erklärt: "Der türkischen Generalstab hat bereits im April letzte Jahres eine großangelegte Militäroperation und indirekt auch eine Okkukation von Teilen des Nordirak vorgeschlagen. Ein solches Vorgehen würde Souveränitätsrechte des Iraks in massiver Weise verletzen."

Die kurdische Autonomieregierung im Nordirak sieht nicht tatenlos zu. Nach eigenen Angaben sind seit Donnerstag 2000 zusätzliche kurdische Kämpfer - so genannte Peschmerga - in die Nähe der Grenze verlegt worden, "um sich der türkischen Armee entgegenzustellen, falls dies notwendig werden sollte".

Ein Sprecher der kurdischen Sicherheitskräfte in der nordirakischen Stadt Erbil erklärte, die "Peschmerga" hätten am Donnerstagabend versucht, 1000 türkische Soldaten aufzuhalten, die von ihrer Kaserne in Bamarni aus mit 60 Militärfahrzeugen in Richtung Osten vorgedrungen waren. Die Kaserne liegt auf irakischem Gebiet, 40 Kilometer von der Grenze entfernt.

Schon immer hat die kurdische Autonomieregierung angekündigt, dass sie auf ein Eingreifen der Türkei im Nordirak militärisch reagieren könnten, erklärt Dembinski: „Masud Barzani, der politische Führer der autonomen Region Nordirak hatte letztes Jah rdarüber hinaus angedroht, dass sie versuchen könnten, die Spannungen in der Türkei zwischen dem Staat und der kurdischen Bevölkerung anzuheizen. Allein dies weist schon darauf hin, dass eine Okkupation von Teilen Nordiraks gefährliche regionale Konsequenzen bis hin zu einem Krieg zwischen der Türkei und dem kurdisch-irakischen Teilstaat haben könnte."

USA fürchtet eine weitere Destabilisierung

Wie die Zeitung "Milliyet" berichtet, ist die US-Armee über den Einmarsch informiert gewesen. Die Amerikaner hätten zwar Unterstützung zugesichert, sind den Angaben der Zeitung zufolge aber mit dem Einmarsch der türkischen Truppen unzufrieden. Die US-Militärs befürchten eine weitere Destabilisierung der Region.

Seit 1984 kämpft die PKK für einen eigenen Staat der Kurden oder zumindest ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei - auch mit Anschlägen in Touristengebieten. Der Guerillakrieg der marxistischen Separatistenorganisation hat bislang nach Schätzungen 37.000 Menschen - darunter türkische Soldaten, PKK-Kämpfer und Zivilisten - das Leben gekostet. Die Türkei, die EU und die USA stufen die PKK als terroristische Organisation ein.

Mit mindestens 14 Millionen Menschen lebt mehr als die Hälfte aller Kurden in der Türkei. Im Nordosten des Iraks gibt es eine kurdische Minderheit von etwa fünf Millionen. Ihr Gebiet grenzt an den Iran, wo ebenfalls etwa fünf Millionen Kurden beheimatet sind. (dpa/AFP)

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