Politik : Kampf im Chaos

Viel spricht dafür, dass die Taliban hinter dem Anschlag stecken. Aber auch ein Racheakt wird nicht ausgeschlossen

Elke Windisch[Moskau]

NACH DEM ATTENTAT AUF DIE BUNDESWEHR IN KABUL

Zuerst fiel der Verdacht für den Anschlag in Kabul auf das Terrornetzwerk Al Qaida. Auch der afghanische Präsident Hamid Karsai sieht den Schuldigen für den Selbstmordanschlag, bei dem am Samstag vier Bundeswehrsoldaten und ein Afghane starben, sowie mehr als 30 Menschen verletzt wurden, bei Al Qaida. Am Montag sagte er: „Wir werden beweisen, dass die Verantwortlichen nicht aus Afghanistan kommen. Doch zugleich mehren sich Anzeichen dafür, dass die Verantwortlichen eher bei den Taliban und in deren Umfeld gesucht werden müssen.

Äußerungen von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor einem Monat bei seinem Besuch in Kabul, der militärische Teil der Anti-Terror-Operation in Afghanistan sei weitgehend erfolgreich abgeschlossen, sind offenbar kaum mehr als ein frommer Wunsch. Anfang vergangener Woche verwickelten die Taliban gleich in zwei Provinzen an der Grenze im Südosten die Anti-Terror-Einheiten in die heftigsten Gefechte seit 2001. An den Kämpfen in der Nähe von Gardez und Spin Boldak nahm in etwa die gleiche Anzahl von US-Soldaten teil, wie bei der berüchtigten Spezialoperation „Anaconda“ im Frühjahr 2002. Diesmal allerdings wohl mit größerem militärischen Erfolg: Mindestens 40 Taliban mussten bei der Operation „Dragon Fury“ ihr Leben lassen. 21 Leichen wurden inzwischen an afghanische Flüchtlingslager in Pakistan übergeben. Die Identifizierung ergab, dass sich unter den Toten mehrere hochrangige Mitglieder der einstigen Taliban-Regierung und der Schura befanden, dem religiösen Führungsrat der Bewegung, der die strategischen Entscheidungen traf.

Erfolge, mit denen sich die Anti-Terror-Koalition bisher nicht schmücken konnte. Entsprechend reagierten die Granden der Islamisten: Die BBC-Dienste in Dari und Paschtu – den beiden Hauptsprachen Afghanistans – zitierten unmittelbar vor dem Anschlag einen hochrangigen Taliban-Kommandeur, der Revanche für die Schmach forderte. Ziel der Racheakte würde neben Anti-Terror-Einheiten und den afghanischen Regierungstruppen auch die Isaf-Schutztruppe sein. Die Taliban hätten sich bereits neu organisiert, die Direktiven dazu kämen von dem Führer der Bewegung, Mullah Omar persönlich. „Der Dschihad (heiliger Krieg) geht weiter“, sagte der Kommandeur, dessen Name nicht genannt wurde, dem Sender wörtlich.

Am Vortag hatte schon Batscha Khan Sadran, einer der oppositionellen paschtunischen Warlords, der für Unruhen in der Provinz Paktia verantwortlich ist öffentlich Rache für die Verhaftung seines Sohnes Abdul Wali durch US-Einheiten gefordert.

Das Isaf-Oberkommando hatte bereits mehrfach Warnungen vor möglichen Anschlägen erhalten. Teilweise in sehr konkreter Form. Vor allem von afghanischen Geheimdiensten, die seit Mitte Januar einen deutlichen Anstieg der Taliban-Aktivitäten registrieren, unter anderem die Bildung eines Schattenkabinetts, das von mehreren oppositionellen Warlords der Paschtunen unterstützt wird. Auch von Ex-Premier Gulbuddin Hekmatyar, der mit den Taliban lose verbündet ist. Sie und Hekmatyar verbindet zwar herzliche Abneigung, weil ihre Unterstämme der Paschtunen sich traditionell befehden. Seit die Loya Dschirga, die Ratsversammlung, im Juni nach massiver Einmischung der USA mit Hamid Karsai deren Parteigänger als Interimspräsidenten installierte, laufen zwischen ihnen jedoch Konsultationen, den Zwist auf später zu vertagen.

Kleinster gemeinsamer Nenner ist der Hass gegen die „Okkupanten“, die das Haupthindernis für ein Comeback der beiden sind. Hekmatyars Aufrufen zum Kampf gegen die Ungläubigen folgten alsbald Taten: Terroranschläge, ein Attentat auf Karsai und mehrere Raketenangriffe auf das Isaf-Camp bei Kabul, die der deutsche Bundesnachrichtendienst zu Recht als „Warnsignal“ interpretiert hatte.

Hekmatyar, der im Bürgerkrieg aus machtpolitischen Erwägungen notorisch die Fronten wechselte, steht seit Februar auf der CIA-Liste der 20 weltweit gefährlichsten Terroristen – wohl auch, weil die USA damit vergessen machen wollen, dass Hekmatyar während der Sowjet-Invasion ihr Hoffnungsträger war und Waffen und Geld vor allem an ihn gingen.

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