Politik : Kampf mit dem Tod

TERROR IN MOSKAU

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Von Bernd Ulrich

Ist unsere Welt jetzt so? Kann es jeden überall treffen – in den Hochhäusern New Yorks, der Synagoge in Djerba, im Nachtclub auf Bali, im Theater in Moskau? Amerikaner, Russen, Australier, Israelis, Deutsche – ist alles eins, überall derselbe blindwütige Terror gegen jedermann, der zufällig da ist?

Die ersten Erklärungen sind meist die falschen. Wladimir Putin wusste sofort, dass hinter den Geiselnehmern von Moskau die gleichen Leute stecken wie hinter den Attentätern von Bali. Al Qaida! Wer sonst? Der russische Präsident sagt das nicht, weil er etwa nachrichtendienstliche Erkenntnisse hätte, sondern allein aus politischem Interesse. Er will damit sagen, dass sein Kampf gegen die Tschetschenen genauso legitim sei wie der Krieg der westlichen Welt gegen den islamistischen Terrorismus. Da irrt der Präsident. New York wurde von Leuten angegriffen, in deren Ideologie die Amerikaner an allem Schuld sind. Für die Leiden des tschetschenischen Volkes hingegen trägt die russische Führung unübersehbar Verantwortung. Ist sie selbst Schuld?

Einer, der oft sehr schnell ist mit Welterklärungen, legt das ganz nahe. Der französische Philosoph Andre Glucksmann meint, „dass die Tschetschenen jetzt in einer apokalyptischen Lage sind, und sie aus diesem Grunde selbst Apokalyptiker werden“. Hier irrt der Philosoph. Längst haben sich die Motive der „Rebellen“ selbstständig gemacht. Es sind Räuber, Mörder, Drogendealer und Terroristen, die das Leiden des eigenen Volkes als Vorwand nehmen für ihren dreckigen, fanatischen Beruf. Diese angeblich gläubigen Menschen berauschen sich daran, Gott zu spielen, sich zu Herren über Leben und Tod aufzuschwingen, im Theater von Moskau an der Rampe zu stehen, um Moslems von Christen zu trennen – Freiheit für die einen, Tod für die anderen.

Dieser Terrorismus hat sich, wie auch der palästinensische, der auf Bali und anderswo längst von seinen Ursachen emanzipiert. Er hat sich selbst dazu verführt, weil er in den letzten Jahren immer mehr ins Große gegangen ist: Je mehr Tote, desto besser – so lautet das Motto dieses modernarchaischen Terrorismus. Das unterscheidet ihn vom Terror der 70er- und 80er-Jahre. Dieser nahm Tote in Kauf, jener will Tote.

Und warum? Einfach, weil es geht. Die Wiederentdeckung des Selbstmordattentats hat dem Terrorismus des 21. Jahrhunderts völlig neue Dimensionen eröffnet. Ob Flugzeugentführung, Bombenattentat oder Geiselnahme – in dem Moment, da die Täter das eigene Leben nicht mehr retten wollen, können sie umso mehr fremde Leben zerstören.

Die Verachtung des Lebens, auch des eigenen kann sich verschiedener Ideologien bedienen. Zurzeit heißt diese Ideologie fast überall: Islamismus. Insofern ähneln sich New York, Bali, Djerba und Moskau eben doch. So unterschiedlich die Motive der Attentäter sein mögen: Ihre Methode zielt auf den Blutrausch, dafür brauchen sie die Bereitschaft zum Suizid, die sie sich wiederum mit einer verdrehten Variante des Islam anerziehen. Darum kann man sich von den vorgeschobenen Argumenten der tschetschenischen „Rebellen“ so wenig beeindrucken lassen wie von den „Kämpfern“ der Hamas. Diese Leute müssen bekämpft werden. Mit den Völkern redet man dann separat.

Ist das nun unsere heutige Welt? Massenmorde, Massengeiselnahmen – und dann spukt auch noch ein Sniper durch die Straßen von Washington. Nicht alles hängt miteinander zusammen. Der politische Terrorismus jedoch wird uns als neue Geißel noch lange beschäftigen. Manchmal hat man das Gefühl, dass der Irrsinn des letzten Jahrhunderts, der in den nuklearen Sprengköpfen eingesperrt war, sich nun über die Welt verteilt.

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