Politik : Kampf um den Schleier

In Saudi-Arabien ist die behutsame Modernisierung bedroht. Fundamentalistische Prediger erfreuen sich neuer Popularität

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Von Andrea Nüsse, Amman

Die saudische Führung ist am 11. September aufgewacht. Der Schock darüber, dass viele der Attentäter, die das WorldTrade-Center zerstörten, saudische Staatsbürger waren, saß tief. Es folgten bis heute Hasstiraden in der amerikanischen Presse gegen das Königshaus der Al-Saud, die in enger Verbindung mit den extrem konservativen wahabitischen Religionsgelehrten das Land führen: Ihnen wird insbesondere durch den Export ihres Religionsverständnisses die Unterstützung des weltweiten islamischen Terrorismus vorgeworfen.

Die Ereignisse haben in Saudi-Arabien eine Debatte über das Verhältnis zwischen Königshaus und den Religionsgelehrten (Ulema) ausgelöst. Vertreter der Herrscherfamilie haben mehrfach klargestellt, dass sie das Land regieren und die Ulema nur Ratschläge geben könnten. So erklärte der frühere Geheimdienstchef Prinz Turki al-Faisal in einem Aufsehen erregenden Zeitungsartikel, Saudi-Arabien werde von den „Herrschern“ regiert, während die Religionsgelehrten lediglich „beratende Funktion“ hätten. Dies sei auch die Ansicht der meisten muslimischen Gelehrten. Damit griff der Prinz direkt die Auslegung des 1999 verstorbenen saudischen Muftis Scheich Abdel Aziz bin Baz an, der die Religionsgelehrten als gleichberechtigte Teilhaber der Macht ansah.

Auch Prinz Talal bin Abdel Aziz äußerte sich kürzlich im n des Königshauses zu der Machtverteilung im Lande und machte klar, dass „Gelehrte keine Schwerter tragen, keine Ministerien aufbauen und keine Schuldigen ins Gefängnis werfen können“. Sie könnten die Menschen beeinflussen, aber nicht politische Entscheidungen treffen.

Bisher hatte die Arbeitsteilung so funktioniert, dass das Königshaus die Außen- und Wirtschaftspolitik betrieb. Die Religionsgelehrten hatten in der Innen- und Sozialpolitik maßgeblichen Einfluss und konnten Veränderungen durch ihre Ablehnung verhindern. Die fundamentalistischen Kreise mischten sich zudem zusehends in die Außenpolitik ein, kritisierten die Allianz mit den USA.

Diese Bedrohung versuchte das Königshaus möglichst ohne Konfrontation abzuwenden, indem es die religiösen und militanten Eiferer des Landes verwies und auf Mission nach Afghanistan schickte. Doch das Problem hat die saudische Herrscherfamilie eingeholt – das hat sie nach dem 11. September begriffen.

Seither nimmt die sie Konfrontation mit den religiösen Zirkeln auf. So hat sie gegen deren erbitterten Widerstand eigene Personalausweise mit Lichtbild für Frauen eingeführt. Darauf sind die Gesichter der Frauen zu sehen, die nur ein Kopftuch tragen. In Jeddah hat dies wenig Aufsehen erregt, weil die Frauen hier nur ihr Haar bedecken, aber im konservativeren Riad müssen Frauen in der Öffentlichkeit auch ihr Gesicht hinter einem Schleier verbergen.

Der Brand in einer Mädchenschule in Mekka im Frühjahr hat zu der bisher einschneidendsten Veränderung geführt. Dabei starben 13 Mädchen, weil die Religionspolizei sie angeblich daran hinderte, ohne ihre schwarzen Umhänge und Schleier das brennende Gebäude zu verlassen. Über dieses Ereignis wurde in der Presse sehr offen und kritisch berichtet. Die Institution für Mädchenerziehung, die bisher in den Händen der Religionsgelehrten lag, wurde daraufhin dem staatlichen Erziehungsministerium zugeschlagen. Damit verlor das religiöse Establishment eine Einrichtung, die es ihm ermöglichte, direkten Kontakt zu fast jeder Familie im Königreich zu halten.

Diese behutsame Modernisierung hatte Kronprinz Abdallah nach Angaben von Beobachtern seit langem geplant, sie wurde aber durch den Schock des 11. September beschleunigt. Bedroht wird sie nun durch die Emotionen, welche die Eskalation im Palästina-Konflikt auch bei der zutiefst unpolitischen Bevölkerung Saudi-Arabiens hervorruft. Wieder wird das Vorrecht der Regierung, die Außenpolitik zu bestimmen, in Frage gestellt, fundamentalistische Prediger erfreuen sich neuer Popularität. Einen Sieg errangen die Religionsgelehrten am Montag, als das Kabinett den Plan, mit Beginn des Schuljahres Englisch ab der ersten Grundschulklasse zu unterrichten, vorerst zurückstellte. Die Gegner der Reform hatten darin eine „Gefahr für die islamische Identität“ der Gesellschaft gesehen. Ein amerikanisch-westlicher Krieg gegen Irak würde die sanfte Modernisierungswelle, die von den Ereignissen des 11. September zumindest mit ausgelöst wurde, wohl vollends ins Stocken bringen.

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