Politik : Kampf um ein würdiges Begräbnis

Tschetschenen fordern vom Kreml die Herausgabe der Leiche Maschadows

Irina Skrynnik

Berlin - „Putin ist ein Mörder! Putin ist ein Terrorist! Maschadow war kein Terrorist!“, skandierten am Wochenende etwa 100 in Deutschland lebende tschetschenische Kriegsflüchtlinge bei einer Demonstration am Brandenburger Tor. Ihre Forderung an die Behörden in Moskau: Herausgabe des Leichnams von Aslan Maschadow an dessen Angehörige. Maschadow, 1997 von den Tschetschenen zum Präsidenten einer von Russland unabhängigen Republik gewählt, war von Moskaus Geheimdiensten Anfang März 2005 bei einer Sonderoperation in der Rebellenrepublik getötet worden. Transparente mit den Mordvorwürfen gegenüber Putin hatte die Polizei allerdings nicht genehmigt. Begründung: Russlands Präsident sei gerade erst Gast der Kanzlerin beim G-8-Gipfel gewesen.

Russische Gesetze untersagen ein Begräbnis für Extremisten, die bei einer Anti-Terror-Operation ums Leben kommen. Maschadow indes, so eine der Versionen, sei von seinem Neffen per „Gnadenschuss“ getötet worden, als das Haus, wo sich er und seine Getreuen versteckt hielten, von den Geheimdiensten gestürmt wurde. Russlands Staatsanwaltschaft beeindruckte das nicht. Wer ihn getötet hat, sei unwichtig, hieß es dort. Er sei wegen der Vorbereitung des Terroranschlags in der Schule von Beslan gesucht worden, das Gericht habe seine Festnahme angeordnet. Dabei hätten Maschadow und seine Leibwächter Widerstand geleistet. Darum sei den Angehörigen auch nicht mitgeteilt worden, wo der Leichnam bestattet wurde. Moskau fürchtet offenbar, Maschadows Grab könnte für seine Anhänger zum Wallfahrtsort werden.

In Europa sind viele anderer Auffassung. „Die Angehörigen haben als Menschen Recht, Maschadows Leichnam zu bekommen“, sagt der Vorsitzende der deutsch-kaukasischen Gesellschaft, Ekkehard Maaß. Für ihn war Maschadow kein Terrorist. Doch selbst wenn: „Was der Kreml macht, ist inhuman. Sogar die schlimmsten Terroristen wie Saddam Hussein oder Augusto Pinochet wurden menschlich begraben.“ Auch russische Nordkaukasus-Experten wie Michail Winogradow, der Chef des „Zentrums für politische Konjunktur Russlands“, zeigen Verständnis für die Demonstranten und deren Forderung nach einem würdigen Begräbnis für Maschadow.

Michail Alexandrow dagegen, der Leiter der Kaukasus-Abteilung des Instituts für die GUS-Staaten, sieht in Maschadow eine Symbolgestalt für den tschetschenischen Widerstand. Dass seine Leiche den Angehörigen nicht übergeben wurde, habe daher vor allem politische Gründe.

Die unterschiedliche Wertung, die Maschadow in Europa und in Russland erfährt, sei nur die Spitze des Eisbergs bei der kontroversen Diskussion zu Moskaus Tschetschenienpolitik, erklärt Experte Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik: „In Maschadow sah und sieht der Westen eher den Vertreter der tschetschenischen Untergrundregierung, die nicht insgesamt als terroristischer Akteur eingeschätzt wird. Der Kreml verbietet diese Unterscheidung geradezu. Für Russland sind alle bewaffneten tschetschenischen Kräfte Terroristen.“

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