Politik : Kampf ums Öl

Nigeria wählt heute einen neuen Präsidenten / Rebellen greifen Förderanlagen im Nigerdelta an

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

In den Wochen vor der Präsidentschaftswahl in Nigeria an diesem Samstag hat sich die Lage im ölreichen Nigerdelta zugespitzt. Militante Gruppen, die eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen fordern, haben ihre Angriffe auf Förderanlagen und Pumpstationen von Ölkonzernen in der Region verstärkt. Dabei werden immer wieder ausländische Arbeiter entführt, die aber nach einiger Zeit, vermutlich gegen die Zahlung eines hohen Lösegeldes, freikommen. Wie aus Kreisen westlicher Ölkonzerne verlautet, drohen dem seit Jahren unruhigen Nigerdelta anarchische Zustände. Besorgniserregend sei zudem, dass inzwischen neben den Ölförderanlagen auf dem Festland auch die rund 12 Meilen vor der Küste gelegenen Bohrinseln nicht mehr vor Rebellenangriffen sicher seien.

Daneben mehren sich Befürchtungen, dass die im Delta aktiven Rebellen mittlerweile über ein Waffenarsenal verfügen, mit dem sie den dort tätigen Ölkonzernen im Bedarfsfall schweren Schaden zufügen könnten. „Obwohl alle Welt auf die Atompläne des Iran starrt, stellt Nigeria das zurzeit sicherlich größte Störpotenzial am Ölmarkt dar“, sagt Peter Tertzakian, Experte für Energiefragen beim kanadischen Investmentmanager ARC Financial Corporation. Allerdings konnte die Ölbranche die rückläufige Produktion Nigerias wegen des warmen Winters in Europa und der daher geringeren Ölnachfrage gut auffangen.

Im Vordergrund der Gewaltaktionen steht eine Gruppe namens „Movement for the Emancipation of the Niger Delta“, die unter dem Vorwand, für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen, seit mehr als einem Jahr Ölförderanlagen sabotiert. Da die Gruppe offenbar keine zentrale Befehlsstruktur hat, ist es schwer, mit ihr in Verhandlungen zu treten.

Besonders stark ist von der jüngsten Welle der Gewalt der Ölkonzern Shell betroffen. Nach einer Reihe von Anschlägen hat das Unternehmen seine Produktion im Land seit rund einem Jahr um die Hälfte reduziert. Bislang ist es Shell nicht gelungen, die beiden betroffenen Ölfelder wieder in Betrieb zu nehmen. Noch härter leidet jedoch Nigeria selbst unter den Produktionsausfällen. Nach Angaben von Finanzminister Nenadi Usman hat das Land rund ein Viertel seiner Gesamtproduktion von 2,4 Millionen Barrel am Tag geschlossen. Dadurch seien allein 2006 etwa 4,4 Milliarden Dollar an Öleinnahmen verloren gegangen. Neben Shell sind auch die US-Ölfirmen Chevron und Exxon Mobil sowie die französische Total und Italiens Eni in Nigeria aktiv. Allerdings befinden sich ihre Ölquellen fast ausnahmslos vor der Küste. Shell dagegen hat Dutzende von Ölfeldern im sumpfigen Nigerdelta.

Sicherheitsexperten sind der Meinung, dass der nigerianische Staat trotz der hohen Öleinnahmen nicht die Mittel besitzt, um die Rebellen im Delta mit seinen vielen Schlupflöchern effektiv zu bekämpfen. Ein nigerianischer Sicherheitsexperte ist der Ansicht, dass der westafrikanische Staat etwa 200 Patrouillenboote brauchte, um das Delta, das etwa die Größe von Bayern hat, ausreichend zu überwachen. Nigeria hat aber nur einen Bruchteil davon.

Die Ölfirmen haben deshalb zuletzt immer öfter eigene Sicherheitsexperten eingeflogen, zumeist frühere Soldaten aus den USA, Großbritannien oder Südafrika. Dies hat jedoch nicht verhindert, dass allein im letzten Jahr rund 700 Kilometer Ölpipelines gestohlen wurden. Zudem wird es vor dem Hintergrund der stark angespannten Sicherheitslage immer schwieriger, Fachkräfte aus dem Ausland für die Arbeit im Nigerdelta zu rekrutieren. Auch dies dürfte die Kosten der Ölgewinnung in Nigeria weiter verteuern.

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