Politik : Kampfpiloten der Bundeswehr üben zu wenig Flugstundenzahl liegt klar unter Nato-Vorgaben

Tote Tornado-Crew hatte nur 19 Stunden Erfahrung

Rainer W. During

Berlin - Die jährliche Flugstundenzahl der Kampfpiloten liegt deutlich unter den Vorgaben der Nato und wird in diesem Jahr noch einmal dramatisch abnehmen. Die Sparmaßnahmen bei der Luftwaffe drohen deshalb zu einem Sicherheitsrisiko zu werden, sagen Experten. Auch beim Absturz eines Tornado am 3. Dezember bei Lechfeld scheint mangelndes Training eine Rolle gespielt zu haben. Der Pilot, der bei einem riskanten Flugmanöver die Kontrolle über den Überschalljet verlor, hatte nach Tagesspiegel- Informationen kaum Flugpraxis. Eine Stellungnahme der Luftwaffe war zunächst nicht zu erhalten.

Ursprünglich hatte die Nato eine Flugpraxis von 240 Jahresstunden vorgeschrieben. Weil dieser Wert aber „höchstens von den Amerikanern“ erreicht wurde, so ein Sprecher des Nato-Oberkommandos für Europa Shape in Belgien, wurden 180 Stunden als absolute Untergrenze festgelegt. Dagegen soll der Luftwaffen-Durchschnitt von rund 150 Stunden in diesem Jahr nur für die den Nato-Reaktionskräften zugeordneten Piloten gelten, so Thomas Wassmann, Vorsitzender des Verbandes der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge (VBSK). Für alle übrigen Flugzeugführer, einschließlich der Nachwuchspiloten, sind beispielsweise beim Jagdbombergeschwader „Boelcke“ in Nörvenich nur noch 100 bis 120 Stunden vorgesehen, so der VSBK-Vorsitzende. Dem Vernehmen nach steht Deutschland damit im Durchschnitt der Nato auf einem der hintersten Plätze. Die Zahlen werden laut Nato nicht publiziert. Offenbar befürchtet man, dass sonst auch andere Staaten ihre Übungsflüge reduzieren würden.

Beim Unfall in Lechfeld hatte eine Tornado-Besatzung beim Formationsstart den Sichtkontakt zur Führungsmaschine verloren. Vier Sekunden nach Einleitung des Landeverfahrens raste der Jet in ein Waldstück, Pilot und Waffensystemoffizier kamen ums Leben. Der letzte Formationsflug des Unglückspiloten lag 14 Monate zurück. Insgesamt hatte der Luftfahrzeugführer im Jahr 2004 nur 19 Stunden und 40 Minuten Flugpraxis. Als so genannter „In-Übung-Halter“, der seinen Dienst an anderer Stelle versieht und nur zur Lizenzerhaltung beim Geschwader startet, hätte er ein Jahresminimum von 80 Flugstunden erfüllen müssen.

„In der Fliegerei gilt in besonderem Maße, dass Übung den Meister macht“, sagte ein erfahrener Flugkapitän, der ungenannt bleiben will. Für Verkehrspiloten seien 60 bis 120 Flugstunden im Monat normal. Er bezweifle deshalb „ganz massiv“, dass die Flugpraxis normaler Militärpiloten in Deutschland ausreiche, um ein Kampfflugzeug im Ernstfall ausreichend beherrschen zu können.

Früher wurden die Flugstunden nach der Zahl der vorhandenen Besatzungen festgelegt, so Wassmann. Jetzt werden sie nach dem von der Politik bewilligten Budget ermittelt. Der Luftwaffeninspekteur – davor verantwortlicher General für die Flugsicherheit – beuge sich dem Sparzwang auf Kosten der Flugsicherheit, heißt es im Verbandsblatt „Jet News“. Auch der mangelnde technische Klarstand der Flugzeuge sorgt für Beschränkungen. So musste nach Tagesspiegel-Informationen 2004 beim Aufklärungsgeschwader 51 in Schleswig-Holstein etwa jede achte geplante Flugstunde ausfallen. Und der neue Eurofighter erwies sich als so anfällig, dass beim Testflugprogramm zur Truppeneinführung in Laage bei Rostock 58,5 Prozent der geplanten 584 Flugstunden ausfielen.

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