Politik : Kanada: Die konservative Partei wählt ihren Chef - Als Favorit gilt Preston Manning

Barbara Halsig

Wenn alles gut geht und das Telefonnetz nicht zusammenbricht, dann wird Kanadas "Rechte" heute den Mann bestimmen, der bei den nächsten Bundeswahlen den am Stuhle klebenden liberalen Ministerpräsidenten Jean Chretien besiegen soll.

Vier Männer bewerben sich für den Vorsitz der neuen Partei "Canadian Alliance", die im März die Reform-Partei ablöste. Parteichef Preston Manning trat damals zurück, damit er heute kandidieren kann. Es sei Neuverpackung einer alten Ware, spottet die Regierungspartei, die Manning aber schon früher unterschätzt hat. Der hochintelligente ideenreiche Mann, der sein wenig telegenes Äußeres zugunsten der Karriere mit neuer Frisur, neuem Gebiss und Kontaktlinsen aufpolierte, hatte "Reform" 1987 als regionale westkanadische Protestpartei aus dem Nichts gegründet. Die Grass-roots-Bewegung hart arbeitender, konservativer Bürger gegen zu viel Regierung und zu wenig christliche Werte mauserte sich über zwei Bundeswahlen (1993 und 1997) zur stärksten Oppositionspartei Kanadas. Aber sie stieß auch an ihre Grenzen. Dem urbanen, liberaleren Osten waren die Reform-Eiferer zu extrem. Obendrein zersplitterte die neue Partei den rechten Flügel, was Chretien als lachendem Dritten die Wahlsiege geradezu garantierte.

Das alles soll sich ab heute ändern. Die Allianz hat neue Leute angezogen, vornehmlich aus dem Lager der "regulären" Konservativen. Der Chef der Progressiv-Konservativen PC, Joe Clark, in besseren Zeiten selbst Ministerpräsident, hatte trotz einjähriger Werbung alle Vereinigungsvorschläge Mannings brüsk abgelehnt. Während der Stern der Alliance aufstrahlte, ist Clarks PC laut Kanadas Medien "in der Todesspirale".

Kopf an Kopf mit Manning bewirbt sich ein westkanadischer PC-Insider, Stockwell Day (49), der charismatische Finanzminister in der konservativen Provinzregierung Albertas, der die Steuern senkte, die Verschuldung auf Null brachte, und die Privatisierung vorantrieb. Er ist außerdem betonter Christ und predigt Moral: Er will die Todesstrafe ins liberale Kanada zurückbringen, die Abtreibung abschaffen und die Rechte von Schwulen einschränken. In Ost-Kanada, das hat er bereits gemerkt, stehen ihm diese "Familienwerte" im Weg.

Wahlberechtigt sind alle Mitglieder der neuen Partei, deren Zahl binnen Wochen von 75 000 auf 200 000 anschwoll. Tausende "Mitgliedschaften" waren gestern noch suspendiert. So dünn ist die Infrastruktur von Reform/Allianz in den 301 Wahlkreisen des riesigen Kanada, dass die Mehrheit der Parteimitglieder heute telefonisch wählt - vom eigenen Hausanschluss mit durch die Post erhaltenem Code. Zigtausende warteten gestern noch. Hilferufe gab es von Senioren, die die automatisierte Fern-Demokratie überwältigt. Falls alles klappt, kann der Sieger dort in der Nacht zu Sonntag Chretien den Kampf ansagen.

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