Politik : Kanadas Waffenlobby zieht vor den Obersten Gerichtshof

Barbara Halsig

Der furchtbare Dezemberabend vor zehn Jahren, als Frauenhasser Marc Lepine an der Ingenieursfakultät der Universität von Montreal systematisch 14 Studentinnen und dann sich selbst erschoss, war ein Wendepunkt im Leben der jungen Kanadierin Wendy Cukier und ein Weckruf für die kanadischen Politiker.

Wendy Cukier wurde Mitbegründerin einer Bürgerkoalition für Schusswaffenkontrolle. Fünf Jahre danach erließ die Bundesregierung ein Gesetz, das automatische Schusswaffen verbot, den Besitz von Handfeuerwaffen streng regulierte und bei Gewehren eine Registrierung vorschrieb. Das Gesetz hob Kanada ab von den USA, wo trotz vielfacher Amokläufe und Attentate auf zwei Präsidenten die Lobby der National Rifle Association (NRA) unter der Leitung des abgehalfterten Filmhelden Charlton Heston weiter erfolgreich Wildwest-Zustände verteidigte.

Diese Woche muss Wendy Cukier jedoch wieder kämpfen. Die Schießeisen-Lobby, weit entfernt davon, ihre Bürgerfreiheit zum Schutz des Allgemeinwohl einzuschränken, ist vor Kanadas Obersten Gerichtshof gezogen, um sich über die Registrierungspflicht zu beschweren. Nutzlos, teuer, langwierig, und obendrein ein Verstoß gegen die Kompetenzenverteilung zwischen Bund und Provinzen - so lauten die Argumente der Kläger. Sie bilden eine bunte Koalition, die nicht nur aus der kanadischen NRA besteht, sondern auch aus der Gemeinschaft der Angler und Fischer, einem Sportclub aus Niagara und Anwalts-Vertretern von fünf der zehn kanadischen Provinzen. Deren Regierungen glauben, dass die Registrierungspflicht die Bauern daran hindern wird, ihre Hühner gegen Koyoten und Stinktiere zu schützen.

Nach konservativen Schätzungen gibt es mindestens sieben Millionen Schusswaffen im 30 Millionen Einwohner zählenden Land. Es könnten aber auch gut doppelt so viele sein. In Kanada existieren Gewalt-Exzesse allerdings nicht in dem Maß wie in den USA. In der Tat sind die Städte so sicher oder unsicher wie die Deutschlands. Doch schon ein Spaziergang im Herbstwald während der Jagdsaison in der Nähe der Städte ist nicht anzuraten. Schließlich gehen oft Leute auf die Jagd, die mit ihren Waffen nicht vertraut sind und statt des Rehs den Jagdgenossen treffen. Von der Pflicht zur sicheren Verwahrung der Waffen, die einen Diebstahl oder den Zugang für Kinder verhindern soll, wissen die wenigsten. "Straftäter werden ihre Waffen nicht registrieren lassen, und sie werden keine Lizenz für sich einholen", argumentierte der Anwalt der Öl- und Rancherprovinz Alberta, Roderick McLennan, vor dem Obersten Gerichtshof. "Bestraft werden Farmer und Jäger." Ted Morton, Chef der Koalition für "Verantwortliche Schusswaffenbesitzer", verglich es gar mit der "effizienten Registrierung von Perserteppichen": "Ich sehe den praktischen Nutzen nicht."

Das Gericht wird wahrscheinlich Monate beraten, bis ein Urteil vorliegt. Experten fiel auf, dass die Bundesrichter "aktivistisch" nachfragten. Die Beziehung zwischen Waffen und Kriminalität sei doch logisch, ließ sich die ehemalige Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals für Ruanda und Kosovo, Louise Arbour, vernehmen.

Wendy Cukier ist hoffnungsvoll, aber sie weiß, dass ihre Arbeit noch lange nicht getan ist. Auch wenn sie vor Gericht verlieren sollte, will die Waffenlobby weiter gerichtlich gegen die Registrierung vorgehen. Ted Morton von der Lobby der Schusswaffenbesitzer hat dies bereits angekündigt. Seine nächste Waffe: Das Grundgesetz über "individuelle Freiheiten".

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