Kandidatin Künast : Im Spiegelkabinett

Renate Künast will als erste Frau und Grüne Berlin regieren. In Umfragen ist sie furios gestartet. Warum tut sie sich jetzt so schwer?

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Kämpft sie noch oder gewinnt sie schon? Wohl eher ersteres: In den Umfragen stürzten die Grünen in der Wählergunst spürbar ab.Weitere Bilder anzeigen
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09.09.2011 21:33Kämpft sie noch oder gewinnt sie schon? Wohl eher ersteres: In den Umfragen stürzten die Grünen in der Wählergunst spürbar ab.

Vielleicht ist das die Wende.

„Ich gehe jetzt und mache Kohlrouladen“, sagt die alte Dame.

„Ist es nicht ein bisschen warm für Kohlrouladen?“, fragt Renate Künast.

„Ich könnte Ihnen ja eine vorbeibringen ...“

Wenn Renate Künast in diesem Moment das Erlösungspotenzial einer Kohlroulade schon bewusst wird, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Der Stand der Grünen steht auf der Schattenseite der Kreuzberger Bergmannstraße. Die Partei, die bei sagenhaften 29 Prozent ihre Kandidatur verkündet hat, liegt nur noch bei 22 Prozent. Künast ist im Kampf um das Rote Rathaus auf dem Berliner Pflaster angekommen. Entschlossen, lakonisch, lila Bluse, bereit zum Sprung.

In den kommenden Tagen wird sie diese Szene begeistert erzählen: Freunden und Feinden, ihrem engsten Wahlkampfteam und verdutzten Chefredakteuren. Sie alle ahnen ja nicht, dass diese Szene aus der Perspektive von Renate Künast einen Meilenstein bedeutet, einen Durchbruch menschlicher und politischer Art im Kampf um Berlin 2011.

Es ist das Jahr, in dem Renate Künast ihre Hochzeit und einen Todesfall erlebt, in dem eine Kernschmelze in einem japanischen Reaktor einen deutschen, grünen Ministerpräsidenten hervorbringt, und in dem Renate Künast versucht, von einer Bundespolitikerin zur Regierenden Bürgermeisterin von Berlin zu werden.

Am 12. März eröffnet sie den grünen „Metropolenkongress: Vor dem Hintergrund, dass gestern ein Tsunami und ein Erdbeben ein japanisches Kernkraftwerk beschädigt habe, sagt sie, sei diese Tagung besonders bedeutungsvoll. In Wahrheit hat sich soeben ein historisches Zeitfenster für die Grünen geöffnet.

Renate Künast wendet sich den Metropolen zu. Sie will ja bald selber eine leiten. Grüne Repräsentanten aus München, Bremen und Köln erzählen von ihren Städten. Sie charakterisieren liebevoll deren Bewohner. Überall ist Stolz. Renate Künast sagt als Einzige nicht „wir“, wenn sie über ihre Stadt spricht.

Ist Berlin denn nicht ihre Stadt? Sie hat mit 21 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Tegel als Sozialarbeiterin angefangen und ihr ganzes berufliches Leben in Berlin verbracht. Als sie 2006 30 Jahre in der Stadt lebte, hat sie in der Winterfeldtstraße 33/35 eine Linde gepflanzt. Ihre Schnauze geht als „Berliner“ durch.
Ach, habe ich nicht „wir“ gesagt? – Renate Künast schweigt. Und überlegt, was das bedeuten könnte. Ihr schmales Büro in der Wahlkampfzentrale in der Kommandantenstraße ist gerade erst eingerichtet: ein trapezförmig geschnittener Schreibtisch, eine vitale Topfpflanze, der provisorische Charakter ist Absicht. Ihr Blick fällt links aus dem Fenster auf eine grün bewucherte Brache, wo es zugeht wie im Rest von Deutschland: Kaum guckt man kurz nicht hin, ist alles grün.

„Für wen stünde dann das Wir?“ fragt Künast. „Ich bin ja noch Fraktionsvorsitzende.“ Als hätte auf diesem Städtekongress ernsthaft die Gefahr einer Verwechslung von 68 Fraktionsmitgliedern mit 3,4 Millionen Berlinern bestanden.

Und dann kann man Renate Künast ratlos sehen, in diesem seltsamen Wahlkampf, in dem sie sich ganz zu Anfang so vergaloppiert hatte mit kruden Aussagen zu Tempo 30 in Berlin, dem Großflughafen BBI und den Schulen. „Alles fokussiert sich auf die Frage: Kann die das?“ Sie weiß nicht, warum das jetzt plötzlich eine Frage ist. Sie weiß nicht, wo diese Frage herkommt. Als sie Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz wurde, hat sie keiner gestellt. In Europa wurden 2001 die Rinder irre. „Ich hatte damals fünf Minuten Zeit, mir zu überlegen, ob ich das Amt haben will.“

Womit Renate Künast im Gespräch einen rettenden Hafen erreicht. Sie zählt jetzt ihre Erfolge auf: Ökologisierung der Landwirtschaft, die „Agrarwende“, das Bio-Siegel. Tausende Bauern, sagt sie, haben sie damals ausgebuht.

Es soll heißen, dass sie schon einmal Ablehnung in einen Erfolg umgemünzt hat. Seitdem lässt sie immer, wenn sie Unterstützung braucht, die Bauern auf- und abtreten. Ihre ehemaligen Angreifer haben sich längst in ihre Verteidigung verwandelt. Das kleine Büro ist jetzt voller Bauern: Etwa 5000 vom Bauerntag in Münster und 3500 vom Bauerntag in Freiburg. Und hinter diesen Bauern sitzt verschanzt eine ängstliche Königin. Wer zu ihr will, muss jeden einzeln aus dem Weg räumen. Es ist schlimmer als Schach.

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