Politik : Kanzler beklagt Kulturverlust bei Daimler

Schröders Appell: Arbeitszeitkonflikt miteinander lösen / Andere Autobauer planen keine Einschnitte

Alexander Visser

Berlin - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat den Konflikt bei Daimler-Chrysler um längere Arbeitszeiten scharf kritisiert. „Das ist zunächst einmal ein Beispiel für den Verlust einer Kultur, auf die ich auch weiterhin setze“, sagte er am Freitag dem Nachrichtensender N24. Sein Verständnis gehe dahin, „dass man sich nicht öffentlich beschimpft und vor allen Dingen schon gar nicht erpresst“, sagte er. Probleme zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften müssten auch weiterhin gemeinsam gelöst werden: „Zu dieser Kultur des Miteinanders zurückzukommen, das ist mein Wunsch.“ Ursache des Streits bei Daimler-Chrysler ist die Forderung der Konzernleitung an die Beschäftigten, auf Einkommensbestandteile in Höhe von rund 500 Millionen Euro zu verzichten. Sollte dies nicht erreicht werden, hat der Konzern gedroht, die Produktion der neuen C-Klasse von Mercedes aus dem baden-württembergischen Sindelfingen an die kostengünstigeren Standorte Bremen und Südafrika zu verlagern. Am Donnerstag hatten deswegen zehntausende Mitarbeiter des Konzerns bundesweit protestiert.

Auch Bundespräsident Horst Köhler rief am Freitag zu mehr Besonnenheit in der Arbeitszeitdebatte auf. Wichtig sei zunächst, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern und ihre Innovationskraft zu stärken. Hier sei Deutschland „nicht ganz auf dem Laufenden“. Schröder sagte, er halte nichts von einer „ideologisierten Debatte über Arbeitszeit und von einer Fixierung auf 35 oder 40 Stunden“. Das sei „alles Verbandsgegackere“, kritisierte der Kanzler die Wortmeldungen in den vergangenen Wochen. Dabei war bisweilen die Einführung der 50-Stunden-Woche, die Streichung von einer Urlaubswoche und der Verzicht auf Feiertage von Politikern, Wirtschaftsvertretern oder Wissenschaftlern gefordert worden.

Unterdessen dringt auch der Nutzfahrzeugkonzern MAN auf eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. „Wenn sich jetzt die 40-Stunden-Woche langsam wieder durchsetzt, wollen wir lieber vorn dabei sein als hinterher zu laufen“, sagte MAN-Vorstandschef Rudolf Rupprecht der „Financial Times Deutschland“. Die Autohersteller BMW, Porsche und Ford planen dagegen zur Zeit keine dramatischen Einschnitte bei den Arbeitskosten. Bei BMW stehe eine pauschale „40-Stunden-Woche nicht zur Debatte“, sagte eine Sprecherin. Wichtiger seien flexible Arbeitszeiten. BMW könne diese bereits zum großen Teil der jeweiligen Nachfrage anpassen.

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