Politik : Kanzler-Kneipen

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die SPD-Parteizentrale befindet sich in der kulinarischen Wüste. Gerade unter gastronomischen Aspekten steht das Willy-BrandtHaus am Ortseingang von Kreuzberg ziemlich schlecht da. Restaurants findet man nur wenige, so richtig sozialdemokratische schon gar nicht. Umso beliebter müsste eigentlich jene Kneipe sein, die nur 300 Meter vom Willy-Brandt-Haus entfernt liegt. Doch die Parteiarbeiter meiden das Lokal, obwohl es ganz den Geschmack von Gerds Genossen treffen müsste. Es ist eine dieser sehr ehrlichen Kneipen, wie man sie aus dem alten West-Berlin und dem Ruhrgebiet kennt und die mit Vorliebe mit dem Schriftzug „Gepflegte Biere“ um gepflegte Rentner werben. Drinnen dienen zwei überdimensionale Bierfässer als Stehtische. Der Rest ist Plüsch.

Der Gast bekommt „Frühstück ab 9 Uhr“ und das nullvier Bier (Charlottenburger Pilsener) für zwei Euro. Die Nahrung ist wenig kapriziös. Es gibt Bockwurst sowie Boulette. Der Wirt hat sich zudem extra auf den Kanzlergeschmack eingestellt. Auch wenn die Lieblingswurst von Gerhard Schröder hier doch ein wenig extravagant daherkommt. Statt schlicht Currywurst heißt es auf der Kreidespeisetafel „Dampfwurst mit Curry". Warum also bleiben die Genossen fern? An der Längsseite der Kneipe hängt ein Schal in Schwarzrotgold. Darauf der Schriftzug „Willkommen Deutschland, 3.10.1990". Wo der Tag der Einheit so demonstrativ gewürdigt wird, kann der Kanzler der Einheit nicht weit sein. Und so handelt es sich bei der Kneipe wohl um die ständige Vertretung der Union im Schatten der SPD. Franz Müntefering hat es gemerkt. Der Kneipen „Zum gemütlichen Dicken“ war dann doch zu offensichtlich. Markus Feldenkirchen

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