Politik : Kanzler Schröder will alles tun, dass Tschechien die Beitrittsfähigkeit erreicht

Christoph von Marschall

Wieder senkt sich die Dämmerung auf den Garten des Palais Lobkowicz in Prag. Wie vor zehn Jahren sind die Gestalten auf dem Balkon der Deutschen Botschaft nur dank der Scheinwerfer auf den TV-Kameras zu erkennen. "Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Ihre Ausreise ..." Die restlichen Worte von Hans-Dietrich Genscher gingen an jenem 30. September 1989 im Jubel der 4000 DDR-Flüchtlinge unter. Ihre Ausreise war dank einer Intervention des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse möglich geworden - gegen den Willen der verkrusteten kommunistischen Regime in Ost-Berlin und in Prag.

Auch heute steht Hans-Dietrich Genscher wieder auf diesem Balkon - zur gleichen Stunde. Neben ihm stehen ein Kanzler, der 1989 ein jugendlicher Oppositionsführer in Niedersachsen war, ein tschechischer Präsident Vaclav Havel, der damals im Gefängnis saß, und ein Regierungschef Milos Zeman, der zwar 1968, im Jahr des Prager Frühlings, der KP beigetreten war, aber 1970 aus ihren Reihen ausgeschlossen wurde. Die historische Balkonszene war ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen und zur europäischen Einheit, sagt Schröder - wie der Protest der Solidarnosc in Polen und die Öffnung der ungarischen Westgrenze am 10. September. "Hier wurde Weltgeschichte geschrieben." Den Tag über hat er sich eher zurückhaltend geäußert über die tschechischen EU-Perspektiven, aber nun sagt er, was er auch zuvor Polen und Ungarn versprochen hat: Deutschland werde alles tun, damit die EU 2003 aufnahmebereit sei. Und dass Tschechien die Beitrittsfähigkeit erreicht.

Unten im Garten steht noch die Plastik eines Trabbi - als Symbol für die Autos, die tausende Ostdeutsche auf dem Weg nach Westen in Prag zurückließen. Milos Zeman hatte das Bild schon mittags bei der ersten Pressekonferenz aufgegriffen: als Symbol, dass es wichtigere Werte als den Wohlstand gebe: die Freiheit. Die harsche Kritik beider Regierungschefs an einem Resolutionsentwurf der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu den Benes-Dekreten - "unverantwortlich" sagt Schröder; und Zeman: "Wer sich immer nur mit der Vergangenheit befasst, ist nicht zukunftsfähig." So vieles ist nachzuholen. Deutsche und Tschechen sind auf dem Weg der Versöhnung noch lange nicht so weit wie Deutsche und Polen oder Ungarn. Erst seit kurzem arbeiten Gesprächskreis und Zukunftsforum. Die Benes-Dekrete und die Eigentumsfragen stehen weiter trennend im Raum. Auch bei der Annäherung an die EU bereitet Tschechien, das früher als der am besten vorbereitete Kandidat galt, heute manche Sorgen.

Zeman zitiert beim Mittagessen im goldenen Saal des Palais Liechtenstein Faust: Am Anfang war das Wort? Nein, am Anfang war die Tat! Das gelte auch für die Politik: Endlich werden Autobahnen zu Ende gebaut, Flüsse miteinander verbunden, der Austausch von Schülern und Studenten ist in Gang gekommen. Schröder, der scherzt, er habe lange überlegen müssen, was er denn von Goethe kenne, antwortet mit dem Osterspaziergang: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" bis "im Tale grünet Hoffnungsglück."

Kanzlerberater Steiner deutet am Ende Zemans Hinweis am Rande: Am 10. November werde man sich ja wiedersehen. Private Abendessen in seinem Berliner Wohnhaus wollte Gerhard Schröder zu Beginn seiner Amtszeit zu einem Stilmittel machen. Geladen sind die Regierungschef Polens, Ungarns und Tschechiens, Jerzy Buzek, Victor Orban und Milos Zeman. Hat der Kanzler, der so westlich geprägt ist, dank des Besuchs in Prag, wo die erste deutsche Universität 1348 gegründet wurde, womöglich Gefallen an Mitteleuropa gefunden und dem Gedanken der Osterweiterung?

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