Politik : Kanzlerbesuch in Spanien: In der Hochburg der Terroristen

Ralph Schulze

Was treibt den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder am Samstag in die gefährlichste Hochburg der Terror-Organisation Eta im nordspanischen Baskenland? "Hernani" heißt die Höhle des Löwen, eine Kleinstadt in der Nähe San Sebastians, in der die Eta uneingeschränkt regiert. In diesem Zentrum des baskischen Extremismus hat der politische Flügel der Eta "Herri Batasuna/Euskal Herritarrok" die absolute Mehrheit. Und so dürfen hier - wie jüngst geschehen - sogar tote Terroristen als "Volkshelden" im Rathaus aufgebahrt werden, damit die Menschen sich von jenen "Patrioten" verabschieden können, die im mörderischen Bombenkampf gegen den Staat umkamen.

In dieser berüchtigten Stadt namens Hernani wird Schröder also am Samstagmittag in einem gepanzerten Militärhubschrauber und außerordentlich schwer bewacht einschweben - zu einem "rein privaten und kulturellen Besuch", wie es beschwichtigend heißt, die Diplomaten wollen der brisanten Visite jegliche politische Bedeutung nehmen. Der Kanzler wird dort beim weltberühmten baskischen Bildhauer Eduardo Chillida eine neue Skulptur ("Berlin") für das neue Kanzleramt abholen. In dem abstrakten Werk, das am Montag per Tieflader nach Berlin gebracht werden soll, lassen sich zwei ineinandergreifende Hände erkennen - eine symbolische Referenz an die Vereinigung.

Zugleich wird Schröder am Samstag in Hernani übrigens auch bei der spektakulären Eröffnung des Chillida-Museums dabei sein, zu der ihn der Künstler höchstselbst während dessen letzter Kunst-Visite im Berliner Kanzleramt einlud. Und diese Eröffnung macht den Schröder-Besuch dann doch etwas kitzelig. Denn mit Schröder kommen auch Spaniens Premier Jose Maria Aznar und das spanische Königspaar in die Eta-Hochburg - und vor allem dies bereitet den Sicherheitskräften Kopfzerbrechen.

Aznar wie der König stehen ganz oben auf der Todesliste der Eta, auf beide wurden schon Attentate verübt. Der Besuch dieser prominentesten Terroristen-Gegner im Eta-Nest Hernani gilt bei den baskischen Extremisten als Provokation und bei der Polizei als großes Sicherheitsrisiko. Und das erst recht, nachdem am Mittwoch die gesamte politische Führung der Eta verhaftet worden war. Schon tauchen die ersten feindlichen Parolen ("Das Baskenland ist nicht Spanien") an Hernanis Hausfassaden auf, an denen ohnehin schon überall "Gora Eta - Es lebe die Eta" prangt. Auch der Chef der im Baskenland regierenden separatistischen Baskenpartei PNV, Arzalluz, warnte Aznar und das Königspaar, nach Hernani zu kommen.

Auf dem parallel stattfindenden deutsch-spanischen Gipfel wollen Schröder und Aznar ihre gestörten Beziehungen wieder einzurenken. Eine schwierige Aufgabe: Denn politisch liegen der deutsche Sozialdemokrat und der spanische Konservative derzeit weit auseinander. Streitpunkte sind vor allem die Europapolitik und der geplante Verkauf der spanischen "Leopard"-Panzerschmiede "Santa Barbara" an den amerikanischen Rüstungskonzern "General Dynamics" - größter Konkurrent der deutschen Waffenindustrie.

Madrid. Nur einen Tag nach dem spektakulären Polizeischlag gegen die Führung der baskischen Terrororganisation Eta schlug die Bande grausam zurück: In der Nacht zum Freitag versuchte sie in der baskischen Küstenstadt San Sebastian den früheren sozialistischen Justizminister des Baskenlandes mit einem Kopfschuss zu ermorden. Der 68-jährige Jose Ramon Recalde überlebte schwer verletzt. Am Freitag demonstrierten Zehntausende Menschen im Baskenland und in ganz Spanien gegen den Anschlag.

Erst Ende August hatten die Terroristen in der Nähe San Sebastians einen konservativen Lokalpolitiker erschossen. Seit Anfang des Jahres verübte die Eta bereits 24 Anschläge in ganz Spanien: Zwölf Menschen kamen dabei um, über 30 wurden verletzt. Unter den Terror-Toten des Jahres 2000 sind bereits drei spanische konservative Politiker und zwei Sozialisten. Zudem wurden drei Polizisten, zwei Militäroffiziere, ein Unternehmer und ein Journalist ermordet. Allein im Sommer starben sieben Menschen durch Bomben oder Genickschüsse. Die Eta, die bis heute rund 800 Menschen umbrachte, hat allen "Feinden" der baskischen Unabhängigkeit den Krieg erklärt.

Mitte der Woche hatte Spaniens Polizei im ganzen Land 20 mutmaßliche Eta-Mitglieder verhaftet unter dem Vorwurf die politische Führung der Terror-Organisation zu bilden. Spaniens Innenminister Jaime Mayor Oreja hatte daraufhin vor einem möglicherweise "grausamen Racheakt" der Eta gewarnt. Spaniens Sicherheitskräfte sind in höchster Alarmstimmung. Auch im Zusammenhang mit dem heutigen Besuch des deutschen Bundeskanzlers im Baskenland sind Drohungen aufgetaucht. Schröder nimmt heute an der Eröffnung des Museums des berühmten baskischen Bildhauers Eduardo Chillida teil.

Der Besuch in der Kleinstadt Hernani, einer ETA-Hochburg vor den Toren San Sebastians, wird von schärfsten Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Vor allem, weil auch Spaniens König Juan Carlos und Premier Jose Maria Aznar an der Museumseröffnung teilnehmen werden. Die extremistische ETA-Partei Euskal Herritarrok, die in Hernani mit absoluter Mehrheit regiert, kündigte Krawalle an. Der König und Aznar, die für die "staatliche Unterdrückung" des Baskenlandes verantwortlich seien, "sind nicht willkommen", warnten die Extremisten. "Das Volk wird sich erheben und protestieren." Der deutsche Bundeskanzler wurde hingegen von den Drohungen ausdrücklich ausgenommen - Schröder sei "dem baskischen Volk willkommen".

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