Politik : Kanzlerbesuch in Spanien: Madrid verschleiert Mordanschlag der Eta

Ralph Schulze

Bundeskanzler Gerhard Schröder und König Juan Carlos befanden sich offenbar am Samstag im Baskenland in größerer Gefahr, als vom spanischen Innenministerium zugegeben. Kurz vor dem Besuch Schröders, seines spanischen Amtskollegen Jose Maria Aznar und des spanischen Königspaares im Chillida-Museum in der baskischen Kleinstadt Hernani hatte die Polizei acht geladene Granatwerfer gefunden und entschärft, die auf das Museum zielten. Polizeiquellen sprachen von einer "schweren Sicherheitspanne", da es den Terroristen der Eta gelungen war, innerhalb der Hochsicherheitszone um das Museum die Abschussvorrichtungen zu platzieren. Spaniens Innenministerium bemühte sich hingegen, den peinlichen Zwischenfall herunterzuspielen. Die Sprengkörper hätten nur eine "propagandistische Wirkung" entfalten sollen.

Inzwischen weiß man aber mehr als das spanische Innenministerium noch am Samstag zugab. Dieses dementierte nämlich zuerst die Existenz der Granatwerfer. Am Sonntag bestätigte jedoch die Polizei, dass es sich um eine ganze Abschussbatterie gehandelt habe. Und die Granatwerfer seien mit panzerbrechenden 43-Millimeter-Granaten mit einer Reichweite von bis zu 400 Metern geladen gewesen. Auch ein Zeitzünder war angeschlossen - ob und wenn ja auf welche Uhrzeit er programmiert war, das hütet die Polizei derzeit noch als Staatsgeheimnis.

Als Schröder, der per Hubschrauber zusammen mit Aznar im Anflug auf Hernani war, die Schreckensnachricht hörte, entschied er, den "privaten Kunstbesuch" im Museum in Hernani fortzusetzen. Schröder erklärte demonstrativ: "Es ist für einen deutschen Bundeskanzler selbstverständlich, an der Seite derer zu stehen, die sich gegen den Terrorismus wenden." Seinen gefährlichen Besuch im Baskenland verteidigte Schröder im Nachhinein "als Zeichen der Solidarität zweier zivilisierter Völker gegen den Terrorismus". Der Kanzler nahm in dem Museum offiziell die Chillida-Skulptur "Berlin" in Empfang, die im neuen Kanzleramt aufgestellt werden soll.

Inzwischen gibt es keinen Zweifel, dass die baskische Terrororganisation Eta hinter dem versuchten Mordanschlag steckt. Ein Attentat, das jedoch nicht direkt Schröder, sondern dem spanischen König Juan Carlos, Königin Sofia und Spaniens Regierungschef Aznar galt. Sie waren mit Schröder zur Eröffnung des Museums des weltberühmten baskischen Bildhauers Eduardo Chillida nach Hernani gekommen, in eine Stadt die als Wiege der Eta gilt.

Nach den bisherigen polizeilichen Ermittlungen nutzten die Terroristen die Nacht zum Samstag, um den Granatwerfer in die Sicherheitszone am Museum zu schmuggeln. Und das obwohl die Umgebung seit Tagen von einer ganzen Polizeiarmee überwacht und abgesperrt war. Drei bis vier Männer seien nötig gewesen, um die Granatenbatterie zu tragen, heißt es. Möglicherweise hätten sie sogar Helfer unter den Sicherheitskräften gehabt. Für die Absperrung der Zone war die autonome baskische Polizei zuständig, die sich regelmäßig vorwerfen lassen muss, gegen baskische Extremisten und separatistische Gewalttäter nicht energisch genug vorzugehen. Ein Polizeihubschrauber entdeckte nur eine halbe Stunde vor Ankunft des Königs und zweieinhalb Stunden vor Eintreffen des Bundeskanzlers die Granatwerfer.

Polizeiangaben zufolge hatten die Terroristen den Sprengapparat in großer Eile aufbauen müssen - aus Angst, entdeckt zu werden. Deswegen sei die Schussanlage nicht perfekt installiert und auf das Museum ausgerichtet gewesen. Es wird jedoch nicht dementiert, dass die Geschosse bei ihrer Zündung durchaus hätten losfliegen können. In Reichweite befand sich die Straße, über die die Prominenz zum Museum rollte, das riesige Freigelände mit Chillidas Großskulpturen und in rund 500 Meter Entfernung auch das Museumsgebäude.

Elf Topterroristen gefasst

Die Polizei konnte indes den größten Erfolg seit Jahren im Kampf gegen die Eta verbuchen: Spanische und französische Elite-Einheiten nahmen in Südfrankreich am Wochenende insgesamt elf Topterroristen fest, die der logistischen Führung der Bande angehören. Sie sollen für den Bau der Bomben, die Beschaffung von Sprengstoffen, Autos und Feuerwaffen zuständig gewesen sein. Die elf wurden nur Stunden nach der Festnahme der "Nummer eins" der Eta gefasst. Bereits am Freitagabend war - ebenfalls in Südfrankreich - der "militärische" Eta-Führer, der 44-jährige Inaki de Gracia, festgenommen worden. Er war der meist gesuchte spanische Terrorist und gilt als Kopf der Bande, die Spanien derzeit mit einer Welle der Gewalt überzieht. Außerdem beschlagnahmte die Polizei am Wochenende mindestens 50 Kilo Sprengstoff, die offenbar aus dem Überfall auf ein französisches Depot vor einem Jahr stammen.

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