Politik : Kanzlerbesuch: Schröders praktizierte Osterweiterung

Albert Funk

Es ist Sommer, bald tourt der Kanzler wieder durch den deutschen Osten und für einige Abstecher auch über die Grenzen hinaus, nach Polen, Tschechien und Bayern. Vom 13. bis 24. August ist Gerhard Schröder unterwegs, von Zinnowitz im vorpommerschen Norden bis Annaberg-Buchholz im sächsischen Süden, 41 Stationen insgesamt. Hinein ins Volk also, ungefähr nach dem Muster des Vorjahres: viel Wirtschaft, in Schkopau (ostdeutscher Symbolname) beispielsweise oder in Jena (aber nicht bei Lothar Späth), ein wenig zweiter Arbeitsmarkt, Tourismus ("Fahrt mit der Usedomer Bäderbahn"), das obligatorische Kurbad, eine Autobahnteilstückbesichtigung, Universitäten, ein bisschen Fußball (statt Kicken mit Energie Cottbus nun das U 18-Länderspiel gegen Polen in Eisenhüttenstadt). Die ganze Bandbreite, die man als Kanzler so bieten muss.

Auch nach Sebnitz

Kinder und Jugendliche stehen auch auf dem Programm, das ansonsten auf Wahlkampffahrten beliebte Altenheim fehlt. Sebnitz, zu Unrecht als Rechtsextremenhort verdächtigt, steht auf der Liste, der Kanzler schaut sich die traditionsreiche Seidenblumen-Manufaktur an. Der Automann in Schröder lässt Zwickau und Leipzig und Eisenach nördlich liegen und weicht ins Böhmische aus, als niedersächsischer Ex-Ministerpräsident aber mit gebotener Konzerntreue: In Mlada Boleslav (Jungbunzlau) informiert sich der Kanzler, wie VW dort Skodas produziert. In Sachen Militär wird Schröder beim deutsch-polnisch-dänischen Korps mit Präsident Kwasniewski in Stettin unterwegs sein.

Anlass der Reise ist laut Bundespresseamt, auf die anstehende EU-Osterweiterung aufmerksam zu machen - "mit den sich bietenden Chancen, aber auch mit den Befürchtungen, die sie mitunter gerade in den Grenzregionen hervorruft". Aus dem Grund wird nicht nur das Grenzüberschreitende ausgiebig gefeiert, sondern auch eine Fahrt mit dem Grenzschutz-Patrouillenboot auf der Oder nach Ratzdorf unternommen. Begleitet wird Schröder nicht nur von vielen Kameras, sondern wohl auch von nörgeligen Kommentaren der Opposition. Für CDU-Mann Günter Nooke zum Beispiel reist der Kanzler in die Fremde; Schröder habe "keine Beziehung zu den Ostdeutschen", meinte der Sprecher der Ostabgeordneten der CDU schon mal vorab und wie im Vorjahr.

Seine Flasche Bier wird Schröder jedenfalls bekommen - spätestens beim Besuch der Brauerei in Wernesgrün. Ungefragt vermutlich. Und in seiner Funktion als Kanzler. Das restliche Vergnügen in Form zweier Sommerfeste nimmt Schröder, so vermerkt es der Plan dieser Tour ausdrücklich, als SPD-Vorsitzender wahr.

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