Politik : Kanzlerin in der Warteschleife

Diplomatischer Affront oder Missverständnis? Iran hindert Merkel vorübergehend am Überflug

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Geschafft. Merkel in Indien. Foto: dpa
Geschafft. Merkel in Indien. Foto: dpaFoto: AFP

Beinahe hätte sie es nicht bis Indien geschafft. „Ich bin jetzt froh, dass ich angekommen bin“, sagt Angela Merkel, als sie am Dienstag neben Indiens Regierungschef Manmohan Singh in Neu-Delhi vor der Presse sitzt. Der Iran hatte vorübergehend den Jungfernflug der Kanzlerin in der Maschine „Konrad Adenauer“, dem neuen Flugflaggschiff der Regierung, nach Indien behindert. Zwei Stunden kreiste die schlafende Kanzlerin über der Türkei, Mitarbeiter intervenierten, bis Teheran endlich doch noch grünes Licht gab. Ein unerhörter diplomatischer Affront? Oder nur ein dummes Missverständnis? Noch am Dienstag bestellte das Auswärtige Amt Irans Botschafter Ali Reza Sheikh Attar ein, um die Sache zu klären. Der erklärte die Verweigerung des Überflugs mit „technisch-organisatorischen Abläufen“, teilte das Auswärtige Amt mit.

Immerhin gab es in Indien Grund zum Feiern: Vor genau 60 Jahren haben Indien und Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. Am Dienstag begannen sie erstmals auch gemeinsame Regierungskonsultationen. Dies sei „ein wirklich neuer qualitativer Schritt“, sagte Merkel, die in einer Großdelegation mit 175 Begleitern anreiste. Dies zeigt, welchen Stellenwert sie dem Gandhi-Land heute einräumt. Indien ist das erste außereuropäische Land nach Israel, mit dem Deutschland Regierungskonsultationen führt. Diese sind nur engen Partnern vorbehalten. Die größte Demokratie der Welt gilt nach China als aufgehender Stern Asiens. Mit Wachstumsraten von acht bis neun Prozent zählt Indien zu den weltweiten Wachstumsmotoren.

Und daran möchte auch Deutschland teilhaben. Vor allem im Rüstungsbereich lockt Indien mit dicken Aufträgen: Neu-Delhi will 126 neue Kampfjets im Wert von elf Milliarden Dollar kaufen. Die beiden europäischen Konzerne Eurofighter und Dassault hatten jüngst den Sprung in die Endrunde geschafft, dagegen schieden die US-Konzerne Boeing und Lockheed aus. Indiens Regierung will Ende des Jahres entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Merkels Kurzvisite dürfte auch dazu gedient haben, erneut die Werbetrommel für den Eurofighter zu rühren. Doch öffentlich hielt sie sich zurück, wohl wissend, dass dies in Deutschland weiter ein kontroverses Thema ist. „Im Bewusstsein, dass wir ein gutes Produkt haben, warten wir ab“, meinte sie.

Beide Seiten haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Das Handelsvolumen soll von 15,5 Milliarden Euro 2010 bis 2012 auf 20 Milliarden Euro steigen. Der neue Elan lebt auch von der Beziehung zwischen Merkel und Singh, die sich schätzen, obgleich sie mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert sind. Wie groß die Kluft ist, zeigen wenige Kennzahlen: Merkel regiert ein 80-Millionen-Volk, Singh dagegen herrscht über 1,2 Milliarden Menschen. Deutschland verfügt über eine Wirtschaftskraft von mehr als 3350 Milliarden US-Dollar, Indien dagegen nur über 1235 Milliarden US-Dollar. Doch in vielen Fragen ziehen beide Länder an einem Strang. Das gilt etwa für die überfällige Reform der UN, die – so meinten beide – endlich vorankommen müsse.

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