Politik : Kanzlerkandidat Stoiber: Mäßig herzlich

Robert Birnbaum

Der Kandidat fremdelt noch etwas. Es ist ja auch kein Wunder. Bis vor wenigen Tagen war Edmund Stoiber selbst nicht ganz und gar sicher, ob er am Ende der Kandidat werden würde. Und jetzt, nur einen Tag nach dem Frühstück mit Angela Merkel, der erste Höflichkeitsbesuch bei der Schwesterpartei - da hakelt und ruckelt es in den Details. Etwa, wenn der Kandidat im Hotel Herrenkrug in Magdeburg die Wahl in Sachsen-Anhalt kurzerhand von April auf Juni verschiebt. Oder wenn die CDU-Chefin Angela Merkel neben ihm am Rednerpult zur Seite flüstert: "Fragen?", und ihre Sprecherin weitergibt, was ihr CSU-Generalsekretär Thomas Goppel gerade eben erst in recht bestimmtem Ton bereits zugeraunt hat: "Keine Fragen!"

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Die kleinen Szenen beschreiben ein Grundproblem, das CDU und CSU jetzt sehr rasch angehen müssen, wenn sie Erfolg haben wollen. Es besteht im Kern darin, dass CDU und CSU allen Beschwörungen der Gemeinsamkeit zum Trotz eben doch sehr verschiedene Parteien sind - politisch, kulturell, persönlich. Das Persönliche hat Stoiber in seinem gut einstündigen Auftritt vor dem CDU-Vorstand selbst angesprochen: Man müsse jetzt an den "Abbau von Ressentiments" gehen. Das meinte nicht nur Vorbehalte, die es draußen gegen den CSU-Chef gibt, sondern auch interne. Stoiber vermeidet jeden Anschein des Triumphs. Er dankt im Vorstand für das in ihn gesetzte Vertrauen, wirbt um Geschlossenheit und versichert, dass ihn mit Angela Merkel nicht nur das Ziel des Wahlsiegs verbinde, sondern auch "Sympathie".

Hinter dieser Sorge um Geschlossenheit steckt die traumatische Erfahrung, dass Franz Josef Strauss 1980 als Kanzlerkandidat oft mehr gegen die CDU ankämpfen musste als gegen die damalige Regierung. Stoiber hat das als CSU-Generalsekretär aus der Nähe erlebt. Er hat damals auch mit ansehen müssen, wie schwer sich einer, der in der Provinz König ist, mit dem raueren Wind im Bund tun kann. Kein Zufall, dass er die Vorständler an seine Zeit unter seinem "Mentor Strauss" erinnert. Erst recht kein Zufall, dass er sich ausdrücklich gegen jeden Polarisierungwahlkampf wandte. Die Gesellschaft wünsche heute keine Polarisierung mehr, lautete seine Begründung. Er weiß, dass er als Person polarisiert, und deshalb politisch Signale zur Mitte geben muss. Er weiß auch, dass er dabei die CDU braucht.

Ob das funktioniert oder nicht, fängt beim Praktischen an. Zwei Wahlkampfzentralen sollen dem Kandidaten zuarbeiten, eine in München unter Goppels, eine in Berlin unter Laurenz Meyers Leitung. Das Verhältnis der beiden Generalsekretäre war von Anfang an nur mäßig herzlich. Meyer versicherte: "Wir werden die Geschlossenheit mit Zähnen und Klauen verteidigen" - eine, sollte sie wirklich nötig werden, wohl eher problematische Methode.

Doch selbst wenn die Abstimmung - auch im künftigen Wahlkampfteam unter Leitung des CSU-Parteichefs - klappt, wird das Zusammenspiel nicht ganz leicht. "Jede Partei muss ihre Eigenständigkeit wahren", sagt ein CDU-Vorständler. Deshalb, sagt ein Präsidiumsmitglied, müsse Stoiber der Kandidat der gesamten Union sowie der CSU, Merkel aber das "Wahlkampfflaggschiff der CDU" werden. Um derlei Eigenständigkeiten geht es immer auch, wenn demnächst ein "Kompetenzteam" für den Wahlkampf aufgestellt wird.

Die CSU hat bereits klare Vorstellungen: Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) soll für Finanzen, die Fraktionsvizes Volker Rühe (CDU) und Horst Seehofer (CSU) für Außen- und Sicherheitspolitik beziehungsweise Gesundheit und Soziales zuständig sein. Offen aber ist zum Beispiel noch die Besetzung des Themenfelds Innere Sicherheit: Bayerns Innenminister Günther Beckstein - oder ein CDU-Politiker wie Fraktionsvize Wolfgang Bosbach?

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