Politik : Kanzlerpflichten

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Festtage rücken näher. Der Mensch versucht, ein wenig mentalen Abstand zur Politik zu gewinnen, wo die ja gerade eher nicht so festlich ist, und sich dem Wärmeren, Beständigeren, Bleibenden zuzuwenden. Zu den eher irdischen Bestandteilen der Festtagsruhe gehört die Ruhe an sich. Man kann die Ruhe zur Besinnung nutzen, man kann sich aber auch schlicht entspannen. Auch freie Zeit unter dem Weihnachtsbaum ist Freizeit, ist Erholung. Also: Die Regeneration, die der Mensch nun mal braucht, um sich und der Mitwelt seine Arbeitskraft zu erhalten. Für hohe Regierungsmenschen bedeutet dies wohl: jene kostbaren Stunden des Abschaltens, die der Erhaltung der Schaffenskraft dienen. Statt „Regeneration“ soll Marx ja wohl von der „Reproduktion“ der Arbeitskraft gesprochen haben. Nur vollzieht sich die Reproduktion unter Bedingungen, die möglichst wenig mit den Produktionsbedingungen der Alltagsarbeit zu tun haben. Also: kein Stress. Nun gibt es einen, der ziemlich ausgepowert ist. Der Kanzler. Der neulich im Fernsehen sagte: „Da schlafft man schon mal ab, nach solchen Monaten!“ Wer wollte das nicht verstehen, nach Wahlkampf, Kanzlerduell, Zitterwahl, Koalitionsverhandlungen, Steuerstreit, Miseren-Daten. Wie also reproduziert sich der Kanzler? Wie bewahrt er uns seine Schaffenskraft? Da sind wir beim Problem. Weil er dem Chinesen versprochen hat, zur Transrapid-Einweihung vorbeizuschauen, muss er zwischen den Jahren ins Reich der Mitte fliegen. Eine Erholung? Für den Kanzler eher nicht. Aber vielleicht ja für die heimische Wirtschaft. Und die kann es ja auch gebrauchen. Nur die SPD, die bangt um das Gelingen der Kanzler-Reproduktion.

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