Kanzlervergleich : Politik ohne Körper

Gerhard Schröder inszenierte sich mit Hilfe von Zigarren und Maßanzügen – die nüchterne Angela Merkel bietet keine Projektionsfläche für Erwartungen.

Moritz Schuller
316404_0_4150a13a.jpg
Der Brioni-Kanzler Gerhard Schröder steht für die frühen Jahre der Berliner Republik und für den Willen zur Inszenierung der...WDR

Angela Merkel trägt eine Jacke, immer die gleiche, die sich von Tag zu Tag nur in der Farbe unterscheidet. So reduziert sie ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit, so überrascht sie niemanden. Merkel inszeniert sich nicht und verkleidet sich nicht. Sie will immer gleich aussehen. Uneitel, kann man das nennen, aber auch unpolitisch.

Wie anders damals Gerhard Schröder. Schröder präsentierte sich in Brioni, hielt provokativ Zigarren ins Bild und trat gegen Fußbälle. Damals drehte Schröder die Anzugjacke seines neuen Außenministers nach außen, um das Hersteller-Label zu überprüfen. Schröder war nicht mehr das, was er vorher gewesen war, und die Welt sollte das mitkriegen.

Fast ein Jahrzehnt liegt zwischen diesen Bildern, zwischen dem zaghaften Versuch, Politik in Deutschland in der Post- Kohl-Ära neu darzustellen, und seinem vorläufigen Ende. Es sind Zeiten geworden, in denen der russische Premier mit nacktem Oberkörper angelt, der französische ein Model heiratet und der amerikanische Präsident mit seinen Kumpels Basketball spielt. Nichts davon bei Merkel. Angela Merkel belästigt niemanden mit ihrem Privatleben. Ihr Mann sitzt nicht bei „Anne Will“, um davon zu schwärmen, was für eine wunderbare Stiefgroßmutter sie ist. Angela Merkel ist keine Verführerin, sie hält keine pathetischen Reden, alles Metaphysische ist ihr fremd. Nie würde sie den Satz sagen, dass ihre Lebensgeschichte belegt, „dass wir aus vielen wahrhaft eins werden“ können. Barack Obama hat ihn in Bezug auf seine eigene Biografie gesprochen, aber bei Merkel, der Ostdeutschen an der Spitze des wiedervereinigten Deutschlands, könnte er ebenso glaubwürdig klingen. Könnte.

Anders als Merkel habe Obama „den Anspruch aufgestellt, in seinem Leib den Volkssouverän zu verkörpern“, schreibt Ulrich Haltern. In seinem Buch „Obamas politischer Körper“ bezieht sich der Rechtswissenschaftler auf Ernst Kantorowicz’ bekannte Studie „Die zwei Körper des Königs“ zur politischen Theologie des Mittelalters. Kantorowicz erkennt in der mittelalterlichen Vorstellung eines natürlichen, also sterblichen Körpers und eines übernatürlichen, unsterblichen Körpers des Königs die Entstehungsgeschichte des modernen Staates. Charakteristisch ist für diesen die Unterscheidung zwischen der öffentlichen Funktion eines Herrschers und der Person, die diese Funktion ausübt. Halterns These lautet, dass die Amerikaner in Obama die Verkörperung der Vereinigten Staaten sehen – eine Sicht auf ihre politischen Führer, die sich das aufgeklärte, vom Volkskörper abgeschreckte Deutschland verbiete. Gleichwohl lasse sich aber an der Menschenmenge, die dem Kandidaten Obama an der Berliner Siegessäule zujubelte, erkennen, meint Haltern, dass auch wir Deutsche in einem solchen Moment das Kollektiverlebnis finden, „das uns irgendwie zu einen scheint, und den einen Körper, der unserer Masse gleichermaßen einen eigenen Körper zu geben scheint“.

Angela Merkel macht in diesem Sinne eine körperlose Politik. Sie entzieht der Politik alles, was sie greifbar macht: die Biografie, die Bilder, die eigene Präsenz. Die Verwirrung, die das Bild von ihrem tief ausgeschnittenem Dekolleté während des Besuchs der Osloer Oper oder das auch Jubelbild während der WM 2006 ausgelöst haben, zeigt, wie gering die Rolle sonst ist, die ihr Körper im Geschäft der täglichen Politik spielt. Dass sie Sehnsüchte hat, und sei es nur nach Jeans, ist etwas, dass sie höchstens weit von der Heimat entfernt, vor dem US-Kongress, zu sagen wagt. Merkel macht eine Politik, die sich nicht präsentiert, sondern die von selbst verstanden werden soll. Der Körper ist nicht Teil ihres politischen Instrumentariums. Ihre Politik lebt davon, dass sie die Aura reiner Rationalität umgibt und sie sich von der aufdringlichen, mit Sex-Appeal spielenden Körpersprache ihres Vorgängers absetzt.

Indem Merkel sich körperlich so weit zurückzieht, verweigert sie sich selbst und verweigert sie uns auch den Kantorowicz’schen Herrscherkörper. Sie entpersonalisiert die Politik, indem sie ihre eigene Geschichte zurückhält und gleichzeitig der Gemeinschaft keine Geschichte gibt. Sie sagt nicht, wer sie ist, sie sagt aber auch den Deutschen nicht, wer sie sind. Nicht zwei Körper präsentiert diese Königin, sondern keinen.

In dieses Vakuum dringt die Begeisterung für Obama, dringen auch die Bilder von Karl-Theodor zu Guttenberg, die ihn breit grinsend auf dem New Yorker Times Square zeigen und in der Transall-Maschine der Bundeswehr, wo das Licht so sanft von der Seite auf den Verteidigungsminister fällt wie in einem Bild von Vermeer. Es sind großartig inszenierte Bilder. Dass sie eine große Wirkung entfalten können, liegt jedoch an der farblosen politischen Umgebung, in der sie erscheinen. Guttenberg setzt seinen Körper ein, er wagt, das sagen diese Bilder, eine existenzielle Politik.

Merkels Distanz, auch körperliche Distanz zu ihrer Tätigkeit, hat offenbar mit der Motivation zu tun, mit der sie sich der Politik nähert. Dem „Spiegel“-Reporter Alexander Osang hat sie gesagt, was sie in den Monaten nach dem Mauerfall getan hat: „Ich war Beobachterin, ich habe dem Braten noch nicht so ganz getraut.“ Sie ist nicht nach vorn gestürmt, sie hat sich nicht Hals über Kopf ins Getümmel gestürzt. Sie hat damals beobachtet und tut es noch heute.

Politik besteht, wie die Wissenschaft, der Merkel ja nahe steht, aus Forschung und aus Lehre. Daraus, zu verstehen, und auch darum, das Wissen anzuwenden. Merkel generiert Wissen. Jeder, der sie getroffen hat, ist beeindruckt von ihrer Neugier und ihrer Fähigkeit, Gespräche zu ihrem eigenen Erkenntnisgewinn zu nutzen. Aber sie generiert Privatwissen. Sie will die Welt verstehen, nicht verändern. Und wenn die Leute nicht verstehen wollen, was sie längst verstanden hat, dann legt sie das Thema eben beiseite. Und so entpolitisiert sie die Politik. Dass sie Lehrerin geworden wäre, wenn es mit der Politik nichts geworden wäre, hat Merkel gesagt. Es ist merkwürdig, dass sie, die so selten voranschreitet, sich vorn an der Tafel einer Schulklasse vorstellen kann. Was hat die Lehrerin Merkel diesem Land schließlich bisher beibringen wollen?

Merkel betreibt keine Selbststilisierung wie die Zigarrenfraktion von Rot- Grün. Gleichzeitig bietet sie aber auch keine Projektionsfläche für die Erwartungen und Hoffnungen des Landes. Indem sie sich der Rolle, die Ernst Kantorowicz für den mittelalterlichen Herrscher und die Ulrich Haltern für den amerikanischen Präsidenten beschrieben haben, so entschieden entzieht, erscheint das Land zunehmend ungeführt. Merkels körperlose Politik, bei der es um nichts Existenzielles mehr geht, die keine intellektuelle oder historische Verantwortung formuliert, ist ungreifbar. So ist in den vergangenen zehn Jahren der Berliner Republik nicht nur ikonografisch aus der großtönenden Politik eine gasförmige geworden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar